Dies ist eine kleine Sammlung von Geschichten mit mehr oder weniger schauriger Handlung

Willkommen in Wolfsmagen

Eine gruselige Geschichte, geeignet für Leser ab 16 Jahren

Wolfsmagen

 

 „Du bist hier in Wolfsmagen“, sagte der Mann.  

„Wo?“, fragte Steffen und starrte auf seine Landkarte.

Der Wirt der Kneipe, in die Steffen eingekehrt war um nach dem Weg zu fragen, schlug plötzlich mit seiner riesigen Pranke auf die Karte.

„In Wolfsmagen. Der Ort, der auf keiner eurer bescheuerten Karten zu finden ist.“

Der Wirt verzog seinen Mund zu einem wenig sympathischen Lächeln. Gelbe Zähne ließen Steffen angeekelt wegschauen. Der Fäulnisgeruch, der im Atem des Mannes mitschwang, sorgte dafür, dass Steffen mühsam sein Frühstück wieder die Kehle hinabzwingen musste.  

„Lustig“, murmelte er. Dann zog er die Karte unter der Hand fort und fügte an: „Ich werde wohl besser jemand anderen fragen.“

„Tu das, Jungchen“, grollte der Wirt und wandte sich wieder einem Bierkrug zu, den er mit einem fleckigen Tuch polierte.

 

Steffen verließ die Kneipe und blickte zu seinem alten Golf, der immer noch wie ein Drache wütend aus dem Deckel der Motorhaube zu schnauben schien. Die Karre konnte er erstmal vergessen.

Ein Mann ging mit gesenktem Blick an Steffen vorbei.

„Entschuldigung, können Sie mir sagen, wo hier die nächste Autowerkstatt ist? Oder zumindest ein Telefon? Mein Handyakku ist leer.“

Der Mann blieb stehen, hob den Kopf und fixierte den schmächtigen Steffen aus wässrigen Augen. In seinem Bart klebten kleine Fleischfetzen.

„Autowerkstatt? Telefon?“, hakte der Mann nach und spuckte blutigen Speichel vor Steffens Füße. Der sprang einen Schritt zurück und murmelte: „Ja. Ich will einfach nur …“

„Von hier weg?“, beendete der bärtige Mann Steffens Satz. Als dieser nickte, brach der Mann in Lachen aus

„Du bist hier in Wolfsmagen“, raunte er dann, drehte sich um und schlurfte weiter, als sei damit alles gesagt.

„Wolfsmagen“, murmelte Steffen, „ich kenne Dormagen und Remagen, aber von Wolfsmagen hab ich noch nie was gehört. Irgendwo muss dieses Kaff doch zu finden sein.“

Er hantierte erneut mit seiner Landkarte, als ihm jemand am Hosenbein zog. Steffen blickte hinab und sah ein kleines Mädchen, das kaum älter als fünf sein mochte.

„Du siehst lecker aus“, sagte es und grinste ihn an. Steffen schnaubte verblüfft und wollte gerade etwas erwidern, als das Kind ihm ins Bein biss.

„Au, du verdammtes kleines Biest!“, brüllte er vor Schmerz und schlug im Affekt nach dem Mädchen. Die Zähne wurden aus seinem Fleisch gezogen, dann rannte das Kind schnell um die nächste Häuserecke. Steffen tastete nach der Wunde und sah mit Unglauben das Blut an seiner Hand.

„Was für ein verdammter Ort! Nur Irre hier!“, fluchte er laut. Sein Blick schweifte umher. Eigentlich sah es hier aus, wie in jeder anderen kleinen Stadt in Deutschland. Straßen, Geschäfte. Häuser, das alles umgeben von herbstlichem Wald. Steffen konnte sich erinnern, über eine Brücke gefahren zu sein, an ein Ortsschild konnte er sich jedoch nicht entsinnen. Aber inzwischen wusste er ja wo er war.

 

„Du bist hier in Wolfsmagen“, riefen plötzlich zwei junge Mädchen aus dem Fenster im Haus hinter ihm, als hätten sie seine Gedanken erraten.

„Ja, äh … danke“, erwiderte Steffen und konnte kaum den Blick von den beiden hübschen jungen Frauen wenden, die sich lachend umarmten und laut einander zuraunten: „Er sieht süß aus.“ „Ein bisschen dürr vielleicht, aber irgendwie niedlich. Zum Anbeißen!“

Steffen grinste gequält. Das letzte Mädchen, das ihn „lecker“ gefunden hatte, hatte dafür gesorgt, dass sein Bein nun pochte wie verrückt.

„Kann ich bei euch vielleicht mal telefonieren?“ , fragte er und fügte hastig an: „Ich bezahle natürlich auch!“

„Telefonieren?“, fragte eines der Mädchen und sah dann amüsiert die andere an. Schließlich zuckten sie beide mit den Schultern und schlossen das Fenster, als sei ihnen die Konversation mit ihm zu langweilig geworden.

„Toll, ganz toll“, fluchte Steffen, „BLÖDE WEIBER“, schrie er dann, und schlug zugleich auf die Motorhaube seines unzuverlässigen Gefährts.

„Okay, ich muss hier weg“, beruhigte er sich selbst. „Hauptsache raus aus diesem VERDAMMTEN ORT VOLLER BEKLOPPTER SPINNER!“, schrie er dann die Straße hinunter.

 

Steffen riss die Landkarte an sich, gab dem Auto einen letzten Tritt und stiefelte in die Richtung davon, aus der er gekommen war.

Er ging die Straße entlang und blickte in das Schaufenster eines Schuhgeschäftes. Eine ältere Frau trat gleichzeitig aus dem Laden und geriet ins Straucheln, weil das große Paket, das sie unter dem Arm trug, am Türrahmen hängen blieb. Sie stützte sich auf ihrem Gehstock ab, aber offensichtlich würde sie jeden Moment stürzen.

Steffen eilte zu ihr, griff nach ihrem Arm und hielt die Frau im Gleichgewicht, worauf das Paket zu Boden fiel.

Aus dicken Brillengläsern starrte die Frau ihn einer Eule gleich an. Ihr blau-graues Haar war in sorgfältigen Wellen zu einer Altdamenfrisur gebändigt.

„Huch“, machte sie und ihr großer Busen bebte immer noch unter der Aufregung, die ihr Malheur verursacht hatte.

„Ist ja nichts passiert. Moment, ich heb das auf.“ Rasch bückte sich Steffen und griff nach dem Paket. Er hielt es mit beiden Händen. Das braune Packpapier war am unteren Ende völlig durchweicht, doch Steffen bemerkte es zu spät. Er konnte nicht verhindern, dass der Inhalt ins Rutschen geriet, das aufgeweichte Papier durchstieß und zu Boden fiel.

Mit einem dumpfen Geräusch blieb er auf dem Kopfsteinpflaster liegen. Steffen blickte hinab.

Ein menschlicher Unterschenkel. Der Fuß steckte in einem braunen Herrenschuh. Steffen erkannte den zerfetzten Knorpel, der wohl zum Knie gehört hatte. Der Rest am oberen Ende war nur eine blutige Masse. Auch Steffens Hände waren blutig von dem durchweiten Papier.

„Oh“, sagte die alte Frau und bückte sich nun selbst, hob den Teil des menschlichen Beines auf und lächelte Steffen an.

„Das Packpapier reißt immer so schnell. Aber Alwin war schon immer ein Knauserer. Naja, manchmal zumindest. Er packt das Essen fürs Altenheim nicht halb so gut ein, wie die Schuhe, die er verkauft.“

Sie klemmte sich das Bein unter den Arm und setzte nun wieder ihren Gehstock ein, um die Straße zu überqueren.

 

Steffen stand da wie erstarrt. Dann beugte er sich im letzten Moment vor, um sich zu übergeben. Es dauerte einige Zeit, bis er nichts mehr hervorwürgen konnte. Danach fühlte er sich, als hätte jemand seine Speiseröhre mit einem Flammenwerfer bearbeitet.

Er musste hier unbedingt weg!

 

Diesmal richtete er seinen Blick nur geradeaus. Er sah nicht nach links oder rechts. Er versuchte seine Gedanken unter Kontrolle zu halten.

Und doch konnte er spüren, wie die Türen der Häuser und Geschäfte geöffnet wurden. Er ging schneller. Schließlich begann Steffen zu laufen und wusste im gleichen Moment, dass dies ein Fehler war.

Hinter ihm hörte er Laute. Merkwürdiges Tippeln, begleitet von schwerem Atem aus scheinbar Hunderten von Kehlen. Angst wühlte sich in Steffen Eingeweide. Er begann zu weinen. Die Tränen schossen ihm aus den Augen, behinderten seine Sicht. Der Ortsausgang musste irgendwo da drüben sein. Steffen rannte und wurde doch mühelos überholt.

Die tippelnden Geräusche stammten von den Ballen etlicher Wolfspfoten. Schwarze und graue Ungetüme hechteten beinahe schon spielerisch an ihm vorbei, gruppierten sich um ihn und grollten in Vorfreude.

Steffen blieb stehen. Sein Herz hämmerte. Er weinte nun haltlos.

„Was wollt ihr?“, schluchzte er.

„Es kommen nicht allzu oft Fremde hier her“, hörte er plötzlich eine bekannte Stimme hinter sich. Steffen wirbelte herum und erkannte den Wirt, der nun näher ausführte: „Aber wir hatten Glück. Erst gestern kam einer vorbei, der hier Schuhe kaufen wollte.“

Das Grollen der Wölfe wurde lauter.  

„Das ist ein Traum … nur ein böser Traum“, wisperte Steffen und sah den Wirt flehentlich an.

„Nein, Jungchen, ich fürchte, das ist es nicht.“ Der Wirt zeigte abermals seine gelben Zähne.

„Allerdings …“ begann er dann träge und fügte nach einer langen Pause hinzu: „...hätte ich da eine Idee.“

 

Zwei Wochen später

  

„Hey, wo bleibt mein Bier? Ich habe nicht so viel Zeit!“ Der LKW-Fahrer schlug mit der Faust auf den Tresen, um seine Worte zu unterstreichen.

„’tschuldigung. Kommt sofort“, sagte der junge Mann, der in den Schankraum geeilt kam. Der LKW-Fahrer blickte ihn an, dann ließ er ein gutmütiges Brummen hören und sagte wesentlich freundlicher: „Tut mir leid. Ich … äh … wollte nicht drängeln.“

Er wollte den Blick abwenden und konnte doch nur immer auf den Stumpf schauen, der noch ziemlich wund aussah.

„Was ist denn mit deinem Arm passiert?“, fragte der Mann schließlich.

„War eine Opfergabe“, erwiderte Steffen und stellte das Bier auf einen Pappdeckel.

„Nicht lustig, so eine geschmacklose Lüge“, murmelte der Mann kopfschüttelnd, griff nach dem Bier und trank.

Als er das Glas wieder abgestellt hatte, sagte er aufgeräumter: „Ich hab mich irgendwie verfranst. Eigentlich wollte ich die Autobahnanschlussstelle suchen. Aber dann bin ich irgendwie hier gelandet. Nicht mal ein Ortsschild habe ich gesehen. Wie heißt das Kaff denn eigentlich?“

„Sie sind hier in Wolfsmagen“, erwiderte Steffen.

Der LKW-Fahrer zuckte mit den Schultern. „Nie gehört.“

Steffen lächelte. „Der Ort ist auf keiner beschissenen Karten zu finden. Sie brauchen gar nicht erst nachzusehen.“

„Sag mir einfach, wie ich zur Autobahn komme“, forderte der Mann genervt.

Steffen lächelte nur.

Der Mann warf Geld auf den Tresen und sagte: „Okay, dann werde ich eben jemand anderen fragen.“

„Tun Sie das“, erwiderte Steffen und fügte an: „Sie sind der erste, der seit zwei Wochen hier durchkommt. Man wird sich freuen, Sie zu sehen. Allerdings …“, er ließ den Satz einen Moment in der Luft schweben, bevor er ihn beendete: „ … wird es für Sie keinen Deal geben. Sie werden Wolfsmagen wohl von seiner wahrlich unangenehmen Seite kennenlernen.“

Der LKW-Fahrer schnaubte verächtlich und grollte: „Was für einen Blödsinn du redest. Bei dir scheint nicht nur der Arm zu fehlen. Dein Hirn hat wohl auch einen Schaden erlitten.“

Als er durch die Tür trat und sie hinter sich ins Schloss warf, spülte Steffen das Bierglas aus. Dann rieb er es mit einem fleckigen Tuch trocken.

Der Wirt trat in den Schankraum und legte Steffen eine seiner riesigen Hände auf die Schulter.

„Ich bring dir was mit“, versprach er und fügte an: „Wir werden gemeinsam essen. Sorg schon mal für den Rest.“

Steffen nickte und sah zu, wie der Wirt seine Wolfsgestalt annahm. Von draußen war bereits das Grollen und Knurren der anderen zu hören. Alwin, der Besitzer des Schuhgeschäfts, stieß ein Heulen aus, das auch den Rest der Bande zusammenrief. Die Kinder und Alten würden sich später ihren Anteil holen.

Menschliche Schreie gellten durch den Ort, doch sie währten nicht lange.

Steffen seufzte und machte sich auf den Weg in den Vorratsraum, um die Beilagen auszuwählen.   

 

 

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Kommentare: 1

  • #1

    Chrissi (Freitag, 12 November 2010 17:34)

    Wow! Da geh ich lieber keine Schuhe kaufen. ;)
    Großes Lob für den gelungenen Gruseleffekt. Ich werd dann mal versuchen, meine Gänsehaut wieder zu glätten. *g*
    Lieben Gruß
    Chrissi

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"Ein wahrer Höllentrip"

Eine gruselige Geschichte, geeignet für Leser ab 14 Jahren

Fortsetzungsgeschichte von Hanna Julian

"Du bist gemein, Leon, leih mir doch Geld, dann können wir zusammen fahren."

Die Stimme seines kleinen Bruders klang nölend und ging ihm unglaublich auf die Nerven. Seit sie auf dem Kirmesplatz waren, ging das in einer Tour so.

Erst hatte Sebastian auf diesen ganzen Kleinkind-Karussells fahren wollen und schließlich hatte Leon dem neunjährigen Bruder noch beim Entchenangeln zusehen müssen - verfluchter Babykram!

Und nun, da Sebastian kein Geld mehr hatte, sollte er ihm auch noch welches leihen? Eher würde irgendjemand den Hauptgewinn beim blöden Loseziehen machen!

Leon schnaubte. Er hatte selbst fünf Euro in diese kleinen bunten Papierschnipsel investiert und den mickrigen Stoffbären, den er gewonnen hatte - und den Sebastian mit glühenden Augen bewundert hatte - kurzerhand in der Mülltonne zwischen Pappschachteln mit Mayo versenkt.

Leon hatte das coole Skateboard gewinnen wollen, nicht solchen Scheiß!

 

 

 

Dass seine Mutter ihn gezwungen hatte, Sebastian mitzunehmen, war das Allerletzte. Leon war mindestens schon vier Klassenkameraden begegnet, die schnell das Weite gesucht hatten, als sie ihn mit der nervenden Ratte erblickt hatten. Nun standen er und Sebastian vor der Geisterbahn und der eben noch entchenangelnde Bruder sah begeistert zu den riesigen Figuren hoch, die sich bewegten und dabei schön gruselig von der entweichenden Druckluft auch akustisch in Szene gesetzt wurden - abgesehen von dem schauerlichen Geheule und Gekreische aus den Lautsprechern natürlich. Es war ein Lärm, als würden tausend Seelen zugleich in einen Kessel mit glühender Lava gestopft, dachte Leon und musste grinsen. Das war vielleicht ein etwas phantastischer Vergleich, aber an Phantasie hatte es ihm schließlich noch nie gemangelt.

In der Hand hielt er bereits das passende Geld für seinen Trip mit diesem Grusel-Highlight, als ihn Sebastians Stimme aus seinen angenehm aufgekratzten Phantasien riss und der weinerliche Singsang stattdessen eindeutig heftig an seinen Nerven kratzte. "Bitte Leon! Ich geb dir das Geld auch zurück."

"Du wartest hier! Rühr dich nicht vom Fleck, bis ich wieder da bin!", herrschte er Sebastian an und schob ihn unsanft an die metallene Wand, auf der mit Lackfarben gemalt unheimliche Geister zwischen Gräbern hervorlugten. "Hier stehenbleiben!", kommandierte Leon erneut, dann ließ er den quengelnden Bruder einfach stehen. Auf dem Weg zum Kassenhäuschen hörte er Sebastians gleichsam wütende wie weinerliche Stimme. "Zu Tode sollst du dich gruseln, du gemeiner Blödmann!" Leon tauschte sein Geld gegen eine Plastikmünze und betrat die Stufen der Geisterbahn.

 

 

 

 

Die ankommenden Wagen hielten nicht. Immer drei hingen aneinander, in denen jeweils zwei Personen Platz fanden. Nun, Leon würde allein fahren, alles andere stand außer Frage!

Ein Ordner sorgte dafür, dass die Fahrgäste rasch aus- und einstiegen. Zwar fuhren die Wagen sehr langsam, doch hatten die meisten Aussteigenden Probleme, ihre Augen wieder an die Helligkeit anzupassen, dementsprechend gaben sie selbst beim Verlassen der Wagen noch Schreckenslaute von sich und stolperten benommen ihrer Wege.

Das Adrenalin kochte in Sebastian hoch. Es gab nur wenig, was den Dreizehnjährigen wirklich interessierte. Aber alles was mit Horror zu tun hatte, stand hoch im Kurs. Er hatte beinahe alle Filme gesehen, die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen konnten.

Über Altersfreigaben lachte er, denn es gab nichts, das ihm etwas ausmachen konnte. War doch alles nur Film! Und immerhin war er beinahe schon Vierzehn - also praktisch erwachsen, auch wenn seine Eltern das eindeutig anders sahen...aber was wussten die schon? Schickten ihn mit dem Pimpf auf die Kirmes, die waren doch nicht ganz dicht! Leon schüttelte den Ärger ab, als er sah, dass er bald mit Einsteigen an der Reihe war. Er spähte in das dunkle Loch, aus dem die Geisterbahn ihre Besucher wieder in die Realität entließ. Kreischen war daraus zu hören - echtes, keines aus Lautsprechern! Leon konnte es kaum noch erwarten.

 

 

 

 

Er schwang sich gleich in den ersten Wagen der Dreiergruppe - so war das Gefühl stärker, dieses Abenteuer alleine zu bestehen, da vor ihm nur die Schwärze sein würde.

Leon machte es sich bequem und drückte dem Ordner wie beiläufig den Chip in die Hand. Ganz lässig musste das kommen, und ein gelangweilter Gesichtsausdruck trug den Rest zur nötigen Coolness bei.

Innerlich hüpfte Leon jedoch wie Sebastian auf und ab, wenn Mama ihm versprach, vor dem Schlafengehen noch etwas vorzulesen. Gute-Nacht-Geschichten...nein, aus dem Alter war Leon definitiv raus! Jetzt hieß es Gruselfeeling vom Feinsten! Zumindest hoffte er das, denn ein wenig beschlich ihn die Angst, er könnte hinterher enttäuscht sein. Aber selbst wenn es so wäre, würde er Sebastian vorschwärmen, wie toll die Fahrt gewesen war - seine Rache am kleinen Bruder, der ihm heute die Tour so vermiest hatte.

Das schwarze Loch rückte immer näher. Reißzähne waren oben angebracht, eine dicke, scheinbar klebrige Zunge wölbte sich unter ihnen am Boden und wurde zurück gezogen, als die Dreiergruppe sich näherte. Hinter ihm hörte Leon ein Mädchen aufgeregt mit ihrem Vater sprechen, der dem Kind versicherte, dass es sicher nur halb so gruselig würde und sie keine Angst zu haben bräuchte. Leon hoffte, dass der Kerl sowas von falsch lag! Die Reißzähne kamen plötzlich viel näher, weil die Wagen über eine Erhebung fuhren, so dass der Eindruck entstand, das sie verschluckende Maul würde sich bewegen. Dann tauchte Leon als erster in die Dunkelheit ein.

 

 

 

 

Nicht das Geringste war zu sehen. Die Luft war so dick, dass man unwillkürlich das Gefühl hatte, husten zu müssen. Und tatsächlich hörte Leon ein bellendes Husten aus einem der Wagen hinter ihm. Das war ärgerlich, weil er so nicht den Eindruck hatte, alleine zu sein.

Als direkt vor seinen Augen ein Blitz die Fratze eines knöchernen Monsters erscheinen und sofort wieder verschwinden ließ, war Leon ein wenig versöhnt. Er war tatsächlich etwas zusammen gezuckt. Nicht schlecht. befand er - aber ausbaubar.

Der Wagen nahm eine Kurve und direkt noch eine, so schwungvoll, dass man noch ganz durchgeschüttelt war, als ein gespenstisches Wesen fast in einen hineinflog, dann seitlich abdrehte und an den anderen Wagen mit einem höhnischen Lachen vorbei schwebte. "Papa!", rief das Mädchen hinter ihm, Leon verdrehte die Augen.

Drei Zombies tauchten neben ihm auf, rollten mit den Augen, hieben mit dick bandagierten Armen nach ihm und grollten seltsam kindgerechte Flüche. Leon überhörte den Mist, sondern konzentrierte sich auf die Drähte in den Augenhöhlen, die verblüffend wie Sehnen aussahen, wenn man genug Phantasie hatte.

Der Wagen machte erneut einen Schlenker, dann ging es bergab. Leon hielt sich fest, denn die Neigung war ziemlich steil. Als die Talfahrt anhielt, wunderte er sich, dass das Mädchen hinter ihm nicht kreischte, denn das Ganze war reichlich unbequem. Leon war erstaunt, dass die Anlage überhaupt eine Freigabe vom TÜV bekommen hatte. Er war davon überzeugt, dass der Sicherheitsbügel an seinem Bauch blaue Flecke hinterlassen würde.

Immer noch fuhren sie bergab, ohne dabei einen weiteren Schlenker zu machen. Leon überflog im Geiste die Größe der Geisterbahn...und schließlich die des Kirmesplatzes, denn immer noch fuhren sie geradeaus, und scheinbar bis sehr tief ins Erdreich hinein, was einfach unmöglich war! Das musste ein Trick sein. Vermutlich standen sie in Wirklichkeit und alles war nur Show.

Leon beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen. Er fischte aus seiner Tasche ein Feuerzeug, das er stets dabei hatte, auch wenn er selbst nicht rauchte. So gut es ging, stemmte er sich mit den Beinen fest ab, da er nun beide Hände brauchte, um das Feuerzeug anzumachen und zugleich vor dem Fahrtwind zu schützen. Er brauchte drei Anläufe, dann hielt er die wild zuckende Flamme neben den Wagen, um zu sehen, ob sie sich tatsächlich bewegten, oder in einer Röhre festhingen, die ihnen die wilde Fahrt nur suggerierte. Der Boden neben ihm raste unablässig vorbei. Leon wandte den Kopf und sein Herzschlag setzte einen Moment aus, bevor er ungefähr dreimal so schnell die Arbeit wieder aufnahm.

Die Wagen hinter Leon waren verschwunden. Er war allein.

 

 

 

Hier musste ein technischer Defekt vorliegen. Eine Fehlfunktion, die ihn das Leben kosten konnte! Der Fahrtwind raubte ihm den Atem und die Sicherheitsstange in seinem Bauch tat ihr Übriges, um Leon schwindelig werden zu lassen.

Er versuchte gleichmäßig Luft zu holen. Die rasende Steilfahrt hielt an, und die Angst, am Ende gegen eine Wand zu schmettern, ließ den jungen Mann vor Schreck wie gelähmt sein. Vielleicht sprang der Wagen auch schon vorher aus den Schienen. Ein Gedanke der alles war, nur nicht tröstlich!

Wie aus dem Nichts wurde sein Gefährt in eine scharfe Kurve gerissen und Leon knallte gegen das Wageninnere. Sein Oberarm prallte gegen Metall. Leon schrie. Das alles war eine verfluchte Scheiße! Wenn er hier raus käme, würde es für die Betreiber teuer werden! Schmerzensgeld!, prangte es in seinem Geiste, als der Wagen plötzlich an Geschwindigkeit verlor. Leon starrte in die Dunkelheit.

Tatsächlich schien die Fahrt nun auf waagerechtem Terrain weiterzugehen. Das Herz in Leons Brust flatterte immer noch wie ein Schmetterling. Nun gut, wo auch immer er war, der Wagen bewegte sich jetzt so langsam, dass die schlimmste Gefahr wohl hinter ihm lag.

Leon überlegte, ob es vielleicht doch Absicht war, dass die Wagen getrennt wurden. Immerhin hatte er tatsächlich einen Mordschreck bekommen und auch die Illusion, dass er eine viel zu weite Strecke für eine normale Geisterbahnfahrt zurückgelegt hatte, ließ ihn immer noch frösteln. Vielleicht war es doch nur ein ausgeklügelter Trick?

Aber eines war ganz real - sein schmerzender Bauch und der Bluterguss, der auf seinem Oberarm hämmerte.

Als der Wagen mit einem Ruck gänzlich zum Stehen kam, wagte Leon kaum zu atmen. Es war stockfinster. Kein Geräusch war zu hören. Es war, als hätte man ihn irgendwo in einer tiefen Höhle im Erdinneren vergessen.

"Hey", probierte Leon es mit zittriger Stimme. So ironisch wie möglich fügte er an: "Tolle Fahrt...echt! Und wo ist nun der Ausgang, damit ich dem Betreiber mächtig in den Arsch treten kann?"

Wider besseren Wissens lauschte der Teenager in die Finsternis. Natürlich bekam er keine Antwort, doch da war plötzlich ein leises Geräusch. Es klang so, als würde in der Nähe ein Bach fließen. Vielleicht ein Abwasserrohr?, dachte Leon. Das Rauschen nahm rapide zu. Leon murmelte: "Scheiße!", doch bereits im nächsten Moment fühlte er, wie der Boden im Wageninneren überschwemmt wurde. Seine Turnschuhe wurden durchnässt. Zum Glück war das Wasser nicht kalt. Es hatte beinahe Körpertemperatur, aber es roch nicht wie Wasser, sondern wie...

Leon wagte nicht, zu ende zu denken. Aber er würde sich davon überzeugen müssen, dass er falsch lag - schon alleine deshalb, weil er sonst keine Möglichkeit sah, seine wild flatternden Nerven aus eigener Kraft wieder zu beruhigen.

Er schluckte hart und zündete mit zitternden Händen das Feuerzeug an. Als er sah, was seine Füße umspült hatte, erlosch die Flamme des Feuerzeugs, weil sein Körper vor Grauen einen Moment ganz kraftlos war.

Doch dann staute sich Leons Kraft, drängte nach außen und entlud sich in einem gellenden und ebenso unnützen Schrei in die tiefe Finsternis.

"Mamaaaaaaaaaaaaaaa!"

 

 

 

 

Diesmal gab es eine "Antwort" - wenngleich sie wohl auch kaum wirklich ihm galt. Lachen war zu hören. Weit weg, aber unverkennbar Gelächter. Leon biss sich auf die Lippe. Wenn ihn einer seiner Freunde jetzt sehen könnte...nicht auszudenken! Ohne es verhindern zu können, hatte er wie ein Baby nach seiner Mami geheult. Und das nur wegen Blut...viel Blut...einem ganzen Fluss voller Blut! Leon wurde schlecht. Er schluckte mühsam, um nicht würgen zu müssen. Das Gelächter in der Ferne nahm zu. Es schien ihn zu verhöhnen. Stimmen wurden hörbar, dann wieder undeutlich, als bewegten sie sich von ihm fort.

Es waren lachende Menschen, die von gruseligen Figuren in einer Geisterbahn erschreckt wurden. Die Sorte von nervösem Lachen, die ihm immer nur ein Augenrollen entlockt hatte, weil der Kinderkram ihm zu öde war - peinlich und albern.

Oh Gott, wie er sich jetzt wünschte, einen harmlosen Schrecken zu erleben, mit einem Monster aus Plastik und mechanisch gesteuerte Bewegungen. Das Blut reichte ihm inzwischen bis zu den Knöcheln.

Leon versuchte einen klaren Gedanken zu fassen und die Übelkeit erneut niederzukämpfen. Wenn er Stimmen hören konnte, dann war die normale Strecke der Geisterbahn wohl nicht allzu weit. Sein Wagen stand immer noch, also sollte er vielleicht am Besten aussteigen und sich zu Fuß auf die Suche nach dem Ausgang machen.

Der Gedanke, durch das viele Rot zu waten, war wirklich widerlich, doch alles war besser, als hier untätig in einem defekten Geisterbahnwagen zu sitzen und darauf zu warten, dass das Blut zu seinen Füßen auf eine Temperatur abkühlte, wie sie sein eigenes Blut inzwischen vor Grauen längst erreicht hatte.

 

 

 

 

 

Mit den Händen tastete er umher, bis er Halt fand. Dann erhob Leon sich von seinem Sitz. Irgendein Instinkt sorgte dafür, dass er den Kopf einzog.

Seine Augen suchten in der Dunkelheit umher, fanden nichts und sorgten dafür, dass sein Körper in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt wurde. Dummerweise ging das beinahe mit einer Panik einher und führte dazu, dass Leon minutenlang wie angewurzelt in dieser Position stehenblieb, weil er sich nicht traute, auch nur eine einzige Bewegung zu machen.

Der irre Gedanke, dass ein Monster mit scharfen Zähnen da in der Schwärze lauerte, um ihm Gliedmaßen abzubeißen, wenn er sich rührte, nahm dabei von Sekunde zu Sekunde zu.

Es kostete ihn eine nahezu unmenschliche Überwindung, einen seiner Füße aus dem blutigen See zu heben und ihn aus dem Wagen zu schieben. Leon schob sich vorsichtig bis an den Rand des Wagens, streckte sein Bein so weit aus wie es ging, fand jedoch keinen Boden unter dem Fuß.

Er erhob sich. Nur auf die Hände gestützt, bog er seinen Körper durch, um ihn länger zu machen. Immer noch fand er keinen Boden. Sein Herz schlug ein wildes Stakkato, begleitet wurde es von einem kurzatmigen Geräusch, das aus Leons Kehle drang, in dem Versuch, sich durch Pfeifen selbst zu beruhigen.

Immer noch neigte er den Fuß, schob ihn mühsam tiefer, drehte ihn, als sich plötzlich etwas um sein Gelenk schlang. Eisenharte Finger pressten sich um seine Knöchel, zogen und drehten gleichzeitig und brachten Leon damit aus dem Gleichgewicht. Der junge Mann fiel, wurde beinahe aus dem Wagen gezogen und konnte sich mit letzter Kraft an dem Sitz festkrallen.

"Oh Gott, nein. Nein! NEIN!", schrie er.

Es war keine Einbildung - da war etwas in der Dunkelheit!

Leon kauerte sich auf dem Sitz zusammen. Es war töricht, zu glauben, der offene Wagen könne ihm Schutz bieten. Doch es war das einzige, was ihm blieb. Also versteckte sich Leon so gut es ging, vor einem Wesen, das längst wusste, dass er da war - weil er vermutlich nur hierher gefahren worden war, damit es gefüttert wurde.

Ich bin "meals on wheels", dachte Leon und schnaubte hysterisch. Ein leises Plätschern verriet ihm, dass das Wesen sich von ihm fortbewegte.

 

 

 

 

 

Es lauerte auf ihn - irgendwo da draußen. Leon hatte keine Ahnung, wie groß der Raum war, in dem er sich aufhielt. Er wusste nicht einmal, ob es überhaupt ein Raum war. Vielleicht war es eine eigene Welt, die nur aus Schwärze bestand. Erneut drang fernes, überdrehtes Lachen an sein Ohr. Leon spürte einen Funken Erleichterung, weil ihm dies bewies, dass die normale Welt immer noch da war. Nur wie er wieder dort hinkommen sollte, wusste er nicht. Aussteigen und zu Fuß gehen, schien keine Alternative zu sein, doch den Wagen wieder in Fahrt zu bringen, war ihm zum einen nicht möglich, und zum anderen ohnehin viel zu gefährlich. Wer wusste schon, was da vor ihm war? Vielleicht endeten die Schienen hier und genau aus diesem Grund stand sein Gefährt nun reglos herum.

Als hätte der Wagen seine Gedanken gelesen, setzte er sich plötzlich von selbst wieder in Bewegung. Ganz langsam bahnte er sich einen Weg durch den blutigen See, während Leon leise Gebete ausstieß.

Etwas streifte sein Gesicht und Leon wischte panisch darin herum.

Die Fahrt war nun so bedächtig, wie auf einem Kinderkarussell. Und plötzlich musste Leon an Sebastian denken, der scheinbar in einer anderen Welt auf ihn wartete. Der kleine Bruder starb inzwischen sicher schon tausend Tode vor Angst um ihn.

Ein geiferndes Zischen drang aus der Dunkelheit. Die Stimme klang erbarmungslos und auf schreckliche Art amüsiert, als sie Leons Namen immer wieder wisperte.

Der junge Mann hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu.

Nein, Sebastian war es nicht, der vor Angst starb - aber er selbst war kurz davor.

 

Wird nicht fortgesetzt!

 

©Hanna Julian

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Kommentare: 6

  • #1

    Chrissi (Freitag, 01 Januar 2010 15:10)

    Also für mich, als Mensch mit gemeinen, älteren Geschwistern ist die Szene mit dem Stoffbären in der Tonne schon Horror. ;)
    Der eigentlich schon erwachsene Fastvierzehnjährige kommt mir auch bekannt vor, auch wenn der, an den ich dabei denke jetzt schon 16 und ntürlich längst sowasvonerwachsen ist. *g*
    Jetzt bin ich gespannt, ob der Wunsch des kleinen Bruders in Erfüllung geht.
    Lieben Gruß, Chrissi

  • #2

    Chrissi (Samstag, 02 Januar 2010 13:08)

    'Seltsam kindgerechte Flüche' - wie ungruselig. ;)
    Dafür wird's am Schluss ganz schön beklemmend. Das ist super beschrieben, wie's Leon langsam dämmert, dass hier etwas nicht stimmt.
    Lieben Gruß, Chrissi mit Gänsehaut

  • #3

    Tamsyn (Samstag, 09 Januar 2010 21:49)

    Uh, erst ein Schreck, als Leons Fuß gepackt wird- und dann ein fettes Grinsen. "meals on wheels"! Klasse!

    Liebe Grüße von Tamsyn

  • #4

    Chrissi (Samstag, 09 Januar 2010 22:31)

    "Es war stockfinster. Kein Geräusch war zu hören." Uaaaa - an der Stelle krieg ich schon das Flattern, wenn ich mir die Situation vorstelle. Und dann auch noch ein Etwas, das nach seinem Fuß greift. Ich hoffe, Leon landet nicht tatsächlich als Essen auf Rädern. ;)
    LG, Chrissi

  • #5

    Lizzy (Samstag, 05 Juni 2010 20:11)

    Uuh... klingt ja gruselig!
    Vorallem das Anfangsszenario kam mir allerdings verdächtig bekannt vor - mit dem Unterschied, dass mein großer Bruder mich immer mit in die Geisterbahnen geschleppt hat - und sich tierisch vergnügt hat, wenn ich vor Schreck aufgeschrien habe... ;-)

    Essen auf Rädern... brrr.. Ich bin sehr gespannt, wie es weitergeht! (und sehr froh, dass ich bisher immer heil aus den Geisterbahnen entkommen bin!) ;-)

    Liebe Grüße,
    Lizzy

  • #6

    Teasy (Montag, 26 Juli 2010 19:31)

    Sehr spannend, ich mag Gruselgeschichten :-)))
    Liebe Grüße
    Teasy

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Der Fremde am Strand

Eine unheimliche Geschichte, geeignet für Leser ab 14 Jahren

Das Kreischen der Möwen war so laut, dass ich fast versucht war, mir die Ohren zuzuhalten. Die Biester waren heute völlig außer Rand und Band.
Wie jeden Morgen joggte ich am Strand entlang und ließ meinen Gedanken freien Lauf, während mein Blick über den endlosen Ozean schweifte und mein beschleunigter Puls das Blut mit einer Extra-Portion Sauerstoff durch meinen Körper jagte.
Normalerweise hatte ich die Stöpsel meines Walkmans in den Ohren und hörte Musik, die mich erst so richtig auf Trab brachte.
Gestern jedoch hatte mein Walkman den Geist aufgegeben und so mußte ich wohl oder übel dem Möwengeschrei lauschen.
Ich liebe das Meer mit seinen Wellen und ich liebe den Sand, der immer neue Formen annimmt, mit jeder einzelnen Welle die ihn trifft, aber für die Bewohner von beidem habe ich nicht allzuviel übrig.


Während ich einen Fuß vor den anderen setzte, sah ich stirnrunzelnd zu, wie ein ganzer Schwarm Möwen vom Meer landeinwärts flog, und sich nur etwa fünfzig Meter von mir entfernt am Strand niederließ.
Dort saßen bereits etliche dieser Seevögel und das sah so ungewöhnlich aus, dass ich dieser Versammlung mehr Augenmerk widmete.
Als ich erkannte, auf was die Biester es abgesehen hatten, überkam mich augenblicklich eine tiefe Übelkeit.
Dort lag jemand.
Obwohl ich noch weit entfernt war, krampfte sich mein Magen zusammen.
Dort lag zweifellos ein Mann. Anhand seiner Körperhaltung und dem Aufgebot der Möwen schloss ich, dass er wohl tot sein musste.
Ein heftiges Gefühl, mich einfach umzudrehen und in die andere Richtung zu laufen, überfiel mich.
Meine Beine wurden auf einmal bleischwer und mein Atem begann zu rasseln.
Ich blieb abrupt stehen. Keuchend beugte ich mich vornüber und wartete ab, ob mein Magen weiter rebellieren würde. Aber es schien so, als gäbe er mir eine Gnadenfrist.
Diese würde wohl spätestens vorbei sein, wenn ich mir diesen toten Körper aus der Nähe ansehen würde.
Ich zweifelte keine Sekunde daran, dass das Meer diesen Mann noch vor kurzem in seiner Gewalt gehabt, und nun wie einen Kaugummi, der seinen Geschmack verlor, einfach wieder an Land gespuckt hatte.
Widerwillig setzte ich mich erneut in Bewegung.
Ich ging mit langsamen Schritten – das Laufen war mir vergangen.
Während ich dem Körper immer näher kam, sah ich mich hektisch um.
Vielleicht war noch jemand so früh am morgen hier unterwegs und konnte den Helden spielen. Ich hätte diesen Part liebendgerne abgegeben.
Aber niemand war zu sehen.
Ich konnte nun schon die Kleidung des Mannes erkennen.
Er war vollständig bekleidet – also hatte er keinen Badeunfall erlitten.
Als ich ihn fast erreicht hatte, schlug ich mehrfach meine Handflächen zusammen, um die Möwen mit dem Geräusch zu vertreiben.
Sie flogen nur widerwillig auf, offenbar nicht bereit, ihre Beute so leicht aufzugeben.
Sie hatten den Mann bereits fürchterlich zugerichtet.
Seine aufgeweichte Haut stellte für ihre spitzen Schnäbel kein großes Problem dar.
Erneut ergriff mich eine Welle der Übelkeit.
Mein Kreislauf machte schlapp und wollte sich gerade verabschieden.
Als mir schwarz vor Augen wurde, ließ ich mich schnell in den weichen Sand sinken und versuchte langsam und gleichmäßig durchzuatmen.
Ich brauchte ungefähr zwei Minuten, bis ich mich wieder stark genug fühlte.
Doch an der Situation hatte sich nicht viel geändert, außer dass bereits die Möwen wieder über mir kreisten und darauf warteten, dass ich mich verzog, und ihnen ihr Futter wieder überließ.
Verdammt, warum hatte ich kein Handy dabei?
Wahrscheinlich weil es sich mit Handy nun einmal nicht besonders gut joggen lässt.
Ich grübelte darüber nach, was ich nun tun sollte, als plötzlich die Welt um mich herum zu verstummen schien.
Das Kreischen der Möwen war nicht mehr zu hören, und selbst das Rauschen der Wellen hatte seinen Klang verloren.
Ungläubig schaute ich auf die Brandung.


Ich sah, wie das Wasser sich aufbäumte und seine Ausläufer an den Strand schickte, als wolle es immer wieder versuchen mehr zu vereinnahmen, als ihm zustand, aber alles hatte plötzlich seine Lautstärke verloren.
Hektisch blickte ich mich um.
Ich sah, wie das Gras der Dünen sich im Wind bog, aber ich spürte ihn nicht.
Ich sah, wie die Möwen mit ihren Flügeln schlugen und ihre Schnäbel sich öffneten und wieder schlossen, ohne dass der geringste Laut daraus hervordrang.
Wenn ich nicht plötzlich von einer Sekunde zur anderen taub geworden war, dann gab es nur eine einzige Erklärung – dies musste ein Traum sein.
Mein Blick richtete sich auf den toten Mann.
Er lag da wie zuvor – mit einer Ausnahme.
Er erwiderte nun meinen Blick.
Mein Mund öffnete sich zu einem entsetzten Schrei.
Was geschah hier nur?
Es wurde jetzt wirklich Zeit zu erwachen.
Der Mann sah mich immer noch unverwandt an.
Seine Augen blinzelten nicht, aber sie sahen dennoch alles andere als leblos aus.
Ich spürte wie mein Herz heftig gegen meine Rippen pochte.
Mein Brustkorb war plötzlich eindeutig zu eng, denn davon abgesehen, dass mein Herz offensichtlich versuchte daraus hervorzuspringen, konnten meine Lungen anscheinend nicht mehr genug Sauerstoff fassen, um eine Bewusstlosigkeit zu verhindern.
Durch einen schwarzen Nebelschleier hindurch sah ich mit immer noch wachsendem Entsetzen wie der Mann sich aufrichtete.
In meiner Panik japste ich verzweifelt nach Luft.
Meine Lungen brannten wie Feuer.


Als der Mann sich erhob und auf mich zukam, wurde mein Körper durch einen qualvollen Hustenanfall geschüttelt.
Ich hörte plötzlich mein eigenes wimmerndes Röcheln und der Husten hallte durch meinen Kopf und erschütterte meinen gesamten Körper, sodass ich kraftlos zu Boden sank und im feuchten Sand krampfhaft zuckend liegen blieb.
Der Mann beugte sich über mich und umschloss mit erstaunlich warmen Händen mein Gesicht.
„Du musst atmen,“ flüsterte er.
Und dann noch einmal: „Du musst leben.“
Es kam mir vor, als habe ich nur für einen kurzen Moment die Augen geschlossen, aber als ich sie wieder aufschlug, sah ich eine Menschenmenge um mich herum.
Ich lag am Strand – lediglich mit einem Bikini bekleidet und auch der fremde Mann war da.
Er war über mich gebeugt und sah unendlich erleichtert aus.
Von den Wunden, die ihm die Möwen in meiner Erinnerung beigebracht hatten, war nichts zu sehen. Seine warmen Augen sahen mich abschätzend an, bervor er mir die Hand reichte und mir aufhalf.
Behutsam führte er mich aus der Menschenmenge heraus und ließ mir Gelegenheit, mich ein wenig mit der Realität anzufreunden.
Erst nach geraumer Zeit erzählte er mir, wie ich beim Schwimmen einen Krampf bekommen hatte und fast ertrunken wäre.
Bis heute frage ich mich, was mit mir passiert wäre, wenn er mich nicht gerettet hätte. Wäre ich dann für immer in diesem Albtraum gefangen gewesen oder hatte ich diesen Traum nur, weil ich mich auf den beschwerlichen Weg zurück ins Leben gemacht hatte?
Mein Retter und ich sind inzwischen gute Freunde geworden, auch wenn ich ihm bis heute nicht erzählen kann, wie sich die Geschichte in meinem Kopf abgespielt hat.
Aber er scheint es dennoch zu ahnen, denn obwohl es nie zwischen uns ausgesprochen wurde, so meiden wir dennoch beide bis heute den Strand.

©Hanna Julian