Verräterherz - Leseprobe

Verräterherz - Ein Vampirroman

 

Als Taschenbuch und eBook erhältlich

 

Textauszug aus Kapitel 2

 

~ღ~

 

 

Als ich die Tür zum Laden öffnete, erklang eine kleine Glocke, die dort befestigt war. Erwähnte ich schon, dass ich ein wenig nostalgisch veranlagt bin? Nun, es freute mich zumindest, keinen akustischen Gong ertönen zu hören. Es ist so viel unpersönlicher, von einem technischen Gerät angekündigt zu werden, statt von einer kleinen metallenen Glocke, die man selbst in schwingende Bewegung versetzt hat. In letzterem Fall sind nämlich noch Kräfte am Werk, die man eigenhändig unter Kontrolle hat. Öffne ich eine Tür, die mit einer Glocke versehen ist, mit viel Schwung und Kraft, so kündet sie durch heftiges Klingen von meinem Elan, mit dem ich ein Geschäft betrete. Öffne ich jedoch langsam und zaghaft, so klingt sie nur leise und scheu, was den Inhaber zu der Frage veranlassen könnte, ob es mir auch gut ginge. Ein automatischer Gong klingt immer gleich, ohne dass ich Einfluss auf ihn hätte. Ihn interessiert mein Befinden nicht im Geringsten und er entzieht sich meiner Kontrolle.

Ja, ich gebe zu, dass es die Kontrolle ist, die mir eine Glocke sympathisch macht. Und hier hatte mich eine solche empfangen. Hinzu kam das freundliche Wetter an diesem Tag im Mai. Insofern müsste man annehmen, dass ich den Antiquitätenladen entsprechend versöhnt betrat. Dem war aber nicht so.

Kaum, dass ich im Laden stand, überfiel mich eine Vorahnung. Ich wollte eigentlich nur herausfinden, wo der Inhaber meine Uhr erworben hatte, und ich war bereit, eine lange Spur zurückzuverfolgen.

Der Geruch, der neben dem Staub, altem Leder und Holzwachs zu mir aus dem Büro drang, ließ meine enthusiastischen Pläne und meinen Tatendrang sofort verebben und wandelte sich zu einem Hassgefühl, wie ich es mir selbst bislang nur selten gestattet hatte. Aber es war noch etwas anderes als Hass vorhanden. Vielleicht ist es am besten mit tiefer Befriedigung vergleichbar, die sich unmittelbar körperlich auf einen auswirkt. 

Oder – um noch beispielhafter zu werden - kann man es wohl mit dem gleichsetzen, was ein echter Kaffeetrinker empfindet, wenn er nach wochenlangem und gezwungenem Instant Kaffee Konsum, den Duft eines frisch aufgebrühten Bohnenkaffees riecht, und was er beim Geruch dieses Elixiers seines Begehrens empfindet. Ich weiß, dass viele Menschen Kaffee lieben, daher wähle ich den Vergleich. Meinem Literaten wäre vermutlich ein besserer eingefallen. Aber vielleicht auch nicht, denn er war selbst ein begeisterter Kaffeetrinker.

 

Drei Abende hintereinander konnte ich beobachten, wie er während des Tippens Unmengen der schwarzen Brühe genussvoll trank. Er fürchtete nicht die anregende Wirkung des Gebräus, und er fürchtete mich nicht – was zweifellos ein Fehler war. Er konnte nicht ahnen, dass ich wirklich ein Vampir war, als er seinen Kaffee in meiner Küche zu sich nahm. Leider weiß ich nicht viel über ihn, da ich es fast ausnahmslos war, der redete, um ihm den Text zu diktieren, den ich auf diese Art später einem Leser mitteilen wollte. Doch immerhin wusste ich von seiner Kaffeeleidenschaft. Ich habe ihn daher mit ein paar Packungen seiner Lieblingssorte auf einem alten Friedhof begraben und meine Kräfte genutzt, um das frisch zugeschüttete Grab ungewöhnlich schnell altern zu lassen. Dies ermöglichte mir, die Spuren zu verwischen, aber natürlich vermisst man ihn.

Man sucht meinen Literaten noch heute, wie ich aus den Zeitungen weiß. Manchmal stelle ich mir vor, wie er die nun knöchernen Beine übereinander schlägt, mit ebenso knöchernen Fingern eine Tasse Kaffee an seinen lippenlosen Mund hebt und die dunkle Brühe ihm über das Gerippe läuft, nachdem er es in seinen fleischlosen Kiefer gekippt hat.

Zugegeben, eine makabere Vorstellung, aber vielleicht würde er es – wenn die Umstände schon so liegen, dass er sterben musste – selbst ein wenig als tröstlich empfinden, sich so zu sehen. Denn sicher wäre es einem Kaffeesüchtigen wie ihm ein grausamer Gedanke, all die Pakete mit frisch gemahlenem Kaffeepulver ungenutzt vergammeln zu sehen. 

Aber kehren wir zu dem Moment zurück, als ich die Tür des Antiquitätenladens hinter mir schloss. Die Glocke war gerade verstummt, und meine Aufmerksamkeit auf ein Jagdgewehr gerichtet, das aus der Zeit um 1740 stammen musste. Es war verziert mit Ornamenten im Rokokostil und zeugte von einer Vergangenheit, die zwar die meine war, die ich jedoch beinahe vergessen hatte. Überhaupt war der Laden  vollgepackt mit Gegenständen, die mich dunkel an meine Kindheit und Jugend erinnerten. Jeder, der mich ansieht, geht davon aus, dass meine Jugend gerade erst hinter mir liegt, doch in Wahrheit habe ich sogar das Greisenalter längst überwunden und blicke mit beträchtlichem Abstand an Jahren und Erfahrungen darauf zurück.

 

Nun, ich beschwere mich nicht, dass ich jung aussehe und ab und zu wurde mir sogar ein Maß an Attraktivität bescheinigt, das ausreichen sollte, um ein wenig Selbstzufriedenheit an den Tag zu legen. Tatsache ist jedoch, dass es Momente gibt, in denen ich mein wahres Alter glaube körperlich spüren zu können. Dies geschieht insbesondere dann – und das wird dich vermutlich nun nicht überraschen – wenn ich nicht ausreichend Nahrung zu mir genommen habe. Letztendlich dreht sich also immer alles nur um das eine … Blut.

Schritte erklangen, als der Inhaber des Antiquitätenladens aus seinem angrenzenden Büro in den Verkaufsraum trat.

Er erkannte mich nicht, aber ich erkannte ihn sofort. Keinen Moment lang hatte ich in den ganzen Jahren das Gesicht vergessen, das sich im Kampf gegen mich geifernd verzogen hatte.

Auch er sah noch genauso aus wie damals im Jahre 1760, als er versucht hatte, mich vom Leben zum Tode zu befördern. Ein Mann, der ungefähr dreimal so alt war wie ich, als er mich tötete. Aus dem Leben hatte er mich gerissen, aber der Tod hatte mich wieder ausgespuckt. Und so stand ich hier - genau wie er.

 

Es war skurril, aber nur halb so sehr, wie das, was dann folgte. Er besaß nämlich die absolute Unverfrorenheit, mich zu fragen, ob er mir helfen könne! Er hatte mich nicht als seinesgleichen erkannt, und erst recht nicht als sein Opfer, dem er die Kehle absichtlich zerfetzt hatte. Das war nicht weiter verwunderlich, aber ich entschied mich, aus einer Laune heraus, ein Spiel mit ihm zu spielen. Es sollte ungefähr so lange dauern, wie mein Todeskampf, also nicht allzu lange, und doch wie eine gefühlte Ewigkeit. Eine interessante Metapher übrigens für einen Untoten.

Ich sah mir einen alten Lampenschirm an, der aus Tierhaut bestand und ein verblasstes Muster zeigte, während ich unschlüssig murmelte: „Ich suche ein Geschenk für einen Freund. Ich habe ihn lange nicht gesehen, und ich denke, er verdient etwas ganz Besonderes. Etwas, das überdauert und das ihn überrascht. Verstehen Sie?“

Der Mann dachte kurz nach, dann wies er auf einige Gemälde und fragte: „Interessiert er sich für Kunst? Ich habe hier ausgesprochen interessante Stücke, die unterschiedlichen Epochen und Stilen angehören. Vielleicht wäre das etwas für Ihren Freund?“

Ich betrachtete die Kunstwerke nachdenklich, dann schüttelte ich den Kopf. „Ich denke, er mag lieber etwas, das eine Vergangenheit von düsterer Art hat. Vielleicht eine Waffe oder einen anderen Gegenstand, mit dem jemandem Gewalt angetan wurde.“

 

Der Mann sah mich argwöhnisch an, worauf ich rasch nachsetzte: „Er ist ein wenig sonderbar. Er hat selbst eine düstere Vergangenheit, auch wenn er sich jetzt wie ein biederer Geschäftsmann gibt und diese alten Geschichten gerne verdrängen möchte.“

Ich durchbohrte ihn mit meinem Blick, doch er schien es nicht zu bemerken, sondern erwiderte nachdenklich: „Dann wäre es vielleicht gut, ihn nicht mehr mit dieser düsteren Vergangenheit zu konfrontieren. Aber ich zeige Ihnen gerne einige Schusswaffen, oder die Dolche dort“, er wies auf eine Wand, an der Verschiedenes dieser Art hing. Dann sagte er vertraulicher: „Wenn Sie allerdings wirklich etwas Skurriles bevorzugen, dann hätte ich da etwas für Sie.“

Ich bemerkte, dass er langsam begann, ein Geschäft zu wittern, und ich konnte es ihm nicht verdenken, denn ein Mann, der einen Gegenstand sucht, um einen Freund wider dessen Willen an seine düstere Vergangenheit zu erinnern, sollte für solch einen Frevel wenigstens mit viel barer Münze bezahlen.

 

Vertraulich sagte ich: „Dafür wäre ich Ihnen wirklich sehr verbunden, Monsieur ...?“ Ich ließ den Rest des Satzes im Raum schweben. Der Mann lächelte knapp. „Nicolas Morlet“, erwiderte er dann.

Endlich bekam mein Mörder einen Namen! Das machte alles so viel leichter. Flüche gehen einem nur schwer von der Zunge, wenn man den Verfluchten nicht mit Namen betiteln kann. Sie verlieren dadurch an Kraft und dies ärgerte mich stets.

All die Jahre lang nur schwächelnde Flüche für meinen Mörder aussprechen zu können, war nicht befriedigend gewesen. Und so ratterte ich seinen Namen gleich ein Dutzend Mal hinunter, kaum dass ich endlich wusste, wie er hieß. Natürlich tat ich es nicht hörbar, denn es war noch zu früh. Wir spielten doch gerade so schön miteinander - und aufzuhören, wenn es am schönsten ist, war nie ein Motto von mir.

 

Nicolas Morlet hatte mir immerhin mein Leben genommen, als es am schönsten war, und so kann man es mir wohl nicht verübeln, wenn ich es nicht für sehr weise halte, andere Dinge ebenfalls zu einem solchen Zeitpunkt zu beenden.

Warten Sie einen Moment“, sagte er und wie ich schon erwähnte, hatte ich es nicht eilig. Morlet kramte in seiner Tasche nach einem Schlüssel und öffnete damit eine Vitrine. Ich sah Kristallgläser darin stehen, Kelche und andere Gefäße, die hervorragend geeignet waren, Blut zu besonderen Anlässen daraus zu trinken. Außerdem erkannte ich einige Schmuckstücke. Broschen und Haarkämme aus Elfenbein, Ringe mit verschiedenen Edelsteinen, sowie jede Menge Manschettenknöpfe und Siegelringe. Ich war mir ziemlich sicher, dass das meiste aus Morlets Laden auf ähnliche Weise in seinen Besitz gelangt war, wie meine eigene Taschenuhr. Vorsichtig zog Morlet einen Gegenstand hervor, den ich im ersten Moment nicht erkannte. Das war auch nicht weiter verwunderlich, denn er war zerbrochen. Es handelte sich um eine gläserne Skulptur, die einen Engel darstellte. Einer der Flügel war nur noch halb vorhanden und der Kopf fehlte ganz. Ich zog skeptisch eine Augenbraue hoch.

 

Das ist … kaputt“, sagte ich unwirsch. Plötzlich ermüdete mich mein eigenes Spiel, das mir schon viel zu lange zu dauern schien. Morlet war jedoch offenbar in seinem Element, und ich fürchte, dieser Punkt ging an ihn, denn er schaffte es, mich zu überraschen.

Der Engel gehörte einer Dame aus reichem Hause. Sie ließ ihn anfertigen und zahlte ein halbes Vermögen dafür, damit er genau so erschaffen wurde, wie sie ihn sich vorstellte. Als ihr Mann erfuhr, wie hoch die Rechnung für das „Stück Glas“ gewesen war, wie er den Engel nannte, den seine Frau so bewunderte, tobte er vor Wut. Er sperrte sie in eines der Gästezimmer ihres Anwesens, warf den Engel hinterher und verschloss die Tür für zwei Tage. Als er sie schließlich wieder öffnete - in der Hoffnung, eine geläuterte Ehefrau vorzufinden - hieb sie mit dem gläsernen Engel so lange auf ihn ein, bis er tot am Boden lag. Obwohl das Kunstwerk Schaden genommen hatte, ersetzte sie es nie und unternahm auch keinen Versuch, den Engel reparieren zu lassen. Wie sie es geschafft hatte, der Justiz zu entkommen, blieb immer ein Rätsel. Sie behauptete jedoch, es sei der Engel selbst, der seine schützende Hand über sie hielte. Er blieb so lange in ihrem Besitz, bis sie starb.“

 

Und wie starb sie?“, entschlüpfte es mir. 

Nicolas Morlet runzelte die Stirn. „Ich glaube, sie ertrank“, sagte er knapp. Ich überlegte, ob es wohl ihr eigenes Blut gewesen war, das Morlet brutal zutage gefördert hatte, in dem sie ertrank, aber ich äußerte meinen Verdacht nicht laut. Wenn dem so war, dann hatte der Engel versagt und war zudem in die Hände eines wahren Teufels gelangt. 

Aha“, sagte ich also stattdessen, noch viel knapper als er. Ein Punkt für mich, dachte ich gehässig.

Nun, wie dem auch sei. Es ist ein skurriler Gegenstand – ein Engel, der eine düstere Vergangenheit hat. Und umso düsterer, weil die edle Dame niemals für ihren Mord bestraft wurde. Meinen Sie, diese Skulptur könnte etwas für Ihren Freund sein?“

Er sah mich lobheischend an. Ich zuckte vage mit den Schultern. „Ja, könnte sein. Ich habe den Eindruck, er könnte sehr begeistert davon sein, wenn ich Sie so ansehe.“

Mich?“, fragte er verwundert.

Ja“, gab ich zurück, „er sieht Ihnen sogar ähnlich … Oder Sie ihm … wie auch immer.“

Interessant“, sagte er gelangweilt.

 

Abermals zuckte ich mit den Schultern. „Mir schwebt dennoch etwas anderes vor“, brachte ich den Stein langsam ins Rollen. Er nickte geduldig und wartete auf nähere Erklärungen.

Also, es ist so … um ehrlich zu sein, ist er eigentlich gar kein Freund. Ich mag ihn nicht besonders, müssen Sie wissen.“

So etwas in der Art dachte ich mir schon“, erwiderte Morlet abschätzend. Ich lächelte und fragte: „Weil ich ihn mit seiner dunklen Vergangenheit konfrontieren möchte?“

Eher deshalb, weil Sie ihn so lange nicht gesehen haben. Das lässt entweder darauf schließen, dass er aufgrund seiner düsteren Vergangenheit im Gefängnis war, oder, dass Sie ihn aus irgendeinem Grund absichtlich so lange gemieden haben.“

Verdammt, der Kerl war nicht dumm und ich fürchtete schon, erneut einen Punkt an ihn abgeben zu müssen. Ich knurrte eine Antwort. „Gemieden habe ich ihn nicht. Aber ich habe ihn so lange nicht ausfindig machen können.“

Morlets ergraute Augenbrauen zogen sich zusammen. Ich beschloss, dass es Zeit wurde noch deutlicher zu werden, ohne sämtliche Karten sofort auf den Tisch zu legen.

 

Ich suche für diesen … Nicht-Freund eigentlich einen Gegenstand, der als Holzpflock bezeichnet wird.“

Holzpflock“, echote Morlet verblüfft.

Ich sah mich kurz um und sagte dann lapidar: „Ja, so ein Ding, mit dem man Vampire tötet. Sie wissen schon: Sargdeckel auf - Pflock in den Vampir - Sargdeckel wieder zu. Gibt es hier so etwas?“

Das war natürlich völliger Unsinn, weil kein Vampir, den ich kenne, tatsächlich in einem Sarg schläft. Dennoch verfehlten meine Worte ihre Wirkung nicht. Vor allem, weil Holzpflöcke tatsächlich dafür sorgen, dass ein Vampir von dieser Welt verschwindet.

Morlet versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, spürte dann wohl, dass es ihm misslungen war und änderte seinen entsetzten Gesichtsausdruck augenblicklich in einen missbilligenden, als halte er mich für verrückt.

Nein, es gibt hier keine Holzpflöcke.“

Vampire?“, hakte ich nach.

Wie bitte?“, fragte er und trat nun eindeutig den Rückzug in Richtung Büro an, als er anfügte: „Ich glaube, ich kann Ihnen nicht helfen.“

Oh, doch, ich denke schon“, versicherte ich und trat ihm rasch in den Weg, sodass er zwischen einem antiken Sekretär und einer bronzenen Jünglingsstatue gefangen war.

 

Haben Sie auch Taschenuhren?“, fragte ich scheinheilig.

Er schien verwirrt und beinahe musste ich lachen, wenn ich seine Angst nicht gerochen hätte, die mich wohltuend benebelte, aber eben doch auch über die Maßen aggressiv machte.

Taschenuhr?“, fragte er kaum hörbar und ahnte wohl, dass diese Frage eine neue Wendung in unserem bisher recht freundschaftlichen Gespräch hervorrufen würde, auch wenn er offenbar nicht ahnte, warum dies so sein könnte.

Es war wirklich herrlich anzusehen, wie die Angst in ihm wuchs.

Ich riss mich zusammen, schließlich wollte ich eben nicht aufhören, wenn es am schönsten war, und seine Furcht zu riechen war schön. Wunderschön sogar! Sie rief eine köstliche Mischung in mir hervor.

Taschenuhren“, wiederholte ich um Ruhe bemüht und erläuterte: „Tick, tack. Zeiger schreiten voran. Zeigen die Zeit, die verrinnt. Sekunden, Minuten, Stunden. Trägt man an einer Kette in der Tasche - eine Taschenuhr eben.“

Ihm trat der Schweiß auf die Stirn. Das passiert Vampiren nur selten, aber es kommt vor, wenn die niedrigere Körpertemperatur durch Stress und Bedrohung in die Höhe getrieben wird. Ein Vampir verströmt dann einen Geruch, den man schon fast als Gestank bezeichnen könnte, da er in unseren Nasen regelrecht eine Explosion auslöst. Ich mochte diese Explosion und hoffte, noch eine hervorrufen zu können. Und noch eine. Multiple Explosionen, hervorgerufen durch immer mehr gesteigerte Angst meines Gegners – ich weidete mich an dieser Vorstellung.

 

Wir standen kurz vor einem Duell – Lucien Chevrier gegen Nicolas Morlet. Und ich war überzeugt, dass ich diesmal als Sieger daraus hervorgehen würde. Ich glaube, auch er begann das in diesem Moment zu ahnen, denn er wurde kopflos.

Ich habe keine Taschenuhren. So etwas hatte ich nie!“

Ich lachte über diese offensichtliche Lüge.

Ein Antiquitätenhändler, der Schmuck sämtlicher Art verkauft, aber niemals eine Taschenuhr in seinem Besitz hatte? Das erscheint mir … unglaubhaft, Monsieur Morlet.“

 

Er betrachtete mich genau, wühlte in seiner Erinnerung, schien etwas zu entdecken und verwarf es gleich wieder. All das konnte ich in seinem Gesicht lesen. Ich spürte seine Verwirrung. Sie fühlte sich wie Frühlingsregen auf nackter Haut an. Erregend und zugleich fast unwirklich. Ich brauchte mehr davon, wollte, dass der Frühlingsregen zu prasseln begann.

Ich hätte gerne eine wie diese hier“, ich holte meine Taschenuhr hervor und klappte sie auf. Morlet starrte darauf, öffnete den Mund und ich konnte erkennen, dass seine Fangzähne aufblitzen.

Ah, ich sehe, Sie erinnern sich … ein wenig zumindest?“

 

Ich heuchelte freundliches Interesse an seiner Schwerstarbeit, all die Morde zu durchforsten, die er innerhalb der letzten Jahrhunderte begangen hatte.

Er war nach geraumer Zeit immer noch nicht soweit, wie ich enttäuscht feststellte. Ich hatte wohl keinen bleibenden Eindruck hinterlassen – damals. Das würde sich nun ändern.

Sie haben diese Uhr einem jungen Mann verkauft. Es ist erst ein paar Tage her. Hier ist die Quittung.“

Morlet starrte auf das Stück Papier und stammelte: „Dann habe ich mich wohl geirrt. Vielleicht habe ich sie ihm verkauft. Was wollen Sie eigentlich von mir?“

Er wagte nun einen Vorstoß, um endlich mit dem Grübeln aufhören zu können.

Ich steckte die Quittung sorgsam wieder ein.

Diese Uhr ist Diebesgut. Und das wissen Sie so gut wie ich. Es klebt Blut an ihr. Meines!“

Morlets Augen verengten sich. Seine Lippen zitterten und offenbarten immer öfter die weißen Spitzen seiner Zähne.

Ich war ein Engel ...“, begann ich mit dunkler Stimme, „… für meine Mutter zumindest war ich das. Ihr einziges Kind. Der geliebte Sohn meiner Eltern François und Josephine Chevrier. Doch dann kamen Sie und brachen mir die Flügel. Sinnbildlich, wenn Sie verstehen, was ich meine. Zuletzt versuchten Sie, mir den Kopf halb vom Rumpf zu trennen. Aber etwas schlug fehl. Ich wurde einer der Ihren, wie Sie sehen. Und nun, da die Tür zur Vergangenheit endlich wieder geöffnet ist, gibt es nur noch eines, das für mich zu tun ist. Ich werde Sie töten, Nicolas Morlet. Ich war einst zerbrechlich wie die gläserne Engelsstatur … aber Sie werden sehen, ich kann ebenso tödlich sein.“

Morlet rang um Fassung. Ich genoss seinen panischen Anblick, während er nach einer Fluchtmöglichkeit suchte.

 

Seine Augen huschten umher. „Sie sollten das nicht tun“, sagte er mit zittriger Stimme.

Ich lachte. „Das gefällt Ihnen wohl nicht“, erwiderte ich spöttisch und fügte an: „Das kann ich verstehen. Mir hat es damals auch nicht gefallen.“

Nein ... nein ...“, hauchte er und festigte seine Stimme. „Sie werden es bereuen, wenn Sie mich töten.“

Ungerührt zog ich einen Gegenstand aus der Innentasche  meiner Jacke hervor, den ich auf meinem Weg zum Antiquitätenladen an einer Grünanlage aus dem Boden gezogen und eingesteckt hatte. Es war einer der hölzernen Pflöcke, mit denen das Beet abgesteckt war. Er war nicht sonderlich groß und ein wenig schmutzig, aber er lag gut in der Hand.

Da Sie keine haben, ist es ja gut, dass ich meinen eigenen mitgebracht habe“, sagte ich übertrieben freundlich.

Morlet wich zurück und stieß gegen ein Tablett, auf dem eine Karaffe und mehrere verzierte Gläser standen. Alles fiel zu Boden und verursachte einen Heidenlärm, der uns beide zusammenzucken ließ.

Sie können mich nicht vernichten. Sie sind es nicht wert, jemanden wie mich hinzurichten. Sie wurden erst zum Vampir, nachdem ich Sie besucht hatte. Zu diesem Zeitpunkt waren Sie ein Mensch. Meine Familie hingegen ist ein altes Vampirgeschlecht, das Sie zu einem Nichts werden lässt. Ein Nichts, hören Sie?! Sie sind ein NICHTS!“

 

Ein Nichts“, echote ich tonlos. „Das war ich für Sie, als Sie mir das Leben nahmen … und das bin ich für Sie immer noch.“

Ich war tatsächlich entsetzt über diese Erkenntnis. Und seinen Mord an mir als Besuch zu bezeichnen, war ungeheuerlich! Morlets Worte und seine grenzenlose Überheblichkeit waren es, die sein Todesurteil besiegelten. Dieser Mann sagte mir, ich sei nichts wert! Er sagte es mir ins Gesicht, statt nur ein Wort des Bedauerns zu äußern, für das, was er mir angetan hatte.

Mein Arm schnellte vor, meine Hand umfasste seine Kehle.

Er röchelte: „Das können Sie nicht tun. Seien Sie kein Idiot!“

 

Ich beschloss, dass ich das wohl eher wäre, wenn ich den Kerl entwischen lassen würde. Und dass ich noch ein viel größerer Idiot wäre, wenn ich es zu schnell beenden würde. Also steckte ich den Holzpflock in meinen Hosenbund, drängte Morlet gegen die Wand, griff nach einem der Dolche, die dort hingen, und rammte ihm dann die Spitze zwischen die Rippen. Morlet stieß einen Schrei aus, der wie Musik in meinen Ohren klang. Ich zog den Dolch hervor und stieß erneut zu, diesmal in seinen Bauch. Morlets Schrei wurde zu Gekreische, das einem den Nerv rauben konnte. Ich war bereit, ein paar meiner Nerven für diesen Spaß zu opfern.

Da ich vermeiden möchte, dass du mich für ein sadistisches Wesen hältst, werde ich einige Einzelheiten nun überspringen. Ich bin nicht sadistisch veranlagt, aber ich gebe zu, dass es eine sehr ausgeprägte Rache war. Und mir lag daran, ihn nicht auf die gleiche Art sterben zu lassen, wie meinen Tätowierten, sondern mit genau den gegenteiligen Gefühlen. Ich schätze, es gelang mir.

 

Als ich ihm schließlich, nachdem ich genug gespielt hatte, den Pflock in seinen Körper rammte, sah Morlet zumindest nicht glücklich aus, und er roch auch nicht so. Zufriedenheit erfüllte mich, als er sich in Nichts auflöste. Es geschah ihm recht, nachdem er mich als solches bezeichnet hatte!

Er war weg - ich war noch da. Duell gewonnen – alle Punkte gingen automatisch in meinen Besitz über. Nur, dass wir hier tatsächlich kein Spiel gespielt hatten, und es diese Punkte nur in meiner Vorstellung gab.

 

~3~

 

Hätte ich bei Morlets endgültigem Verschwinden schon geahnt, was ich heute mit Gewissheit weiß, wäre wohl eher ein „Game over Schild“ über meinem Kopf erschienen. Das ist zumindest eine passende Metapher für die Zeiten, in denen wir nun leben. Ebenso gut hätte ein imaginärer Strick um meinen Hals erscheinen können, dessen Schlinge sich im Laufe der Zeit immer fester zuziehen würde.

 

Ende Textauszug

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