Der Fremde am Strand - Mein Beitrag zur Blogparade

Mit diesem Text nehme ich an der Blogparade auf jazzblog.de teil. Das Motto lautet: Mein Text zum Meer

 

 

Der Fremde am Strand

 

Das Kreischen der Möwen war so laut, dass ich fast versucht war, mir die Ohren zuzuhalten. Die Biester waren heute völlig außer Rand und Band.
Wie jeden Morgen joggte ich am Strand entlang und ließ meinen Gedanken freien Lauf, während mein Blick über die Wellen schweifte und mein beschleunigter Puls das Blut mit einer Extra-Portion Sauerstoff durch meinen Körper jagte.
Normalerweise hatte ich die Stöpsel meines Walkmans in den Ohren und hörte Musik, die mich erst so richtig auf Trab brachte.
Gestern jedoch hatte mein Walkman den Geist aufgegeben und so mußte ich wohl oder übel dem Möwengeschrei lauschen.
Ich liebe das Meer mit seinen Wogen und ich liebe den Sand, der immer neue Formen annimmt, mit jeder einzelnen Welle, die ihn trifft.


Während ich einen Fuß vor den anderen setzte, sah ich stirnrunzelnd zu, wie ein ganzer Schwarm Möwen vom Meer landeinwärts flog, und sich nur etwa fünfzig Meter von mir entfernt am Strand niederließ.
Dort saßen bereits etliche dieser Seevögel und das sah so ungewöhnlich aus, dass ich der Versammlung mehr Augenmerk widmete.
Als ich erkannte, auf was die Biester es abgesehen hatten, überkam mich augenblicklich eine tiefe Übelkeit.
Dort lag jemand.
Obwohl ich noch weit entfernt war, krampfte sich mein Magen zusammen.
Dort lag zweifellos ein Mann. Anhand seiner Körperhaltung und dem Aufgebot der Möwen schloss ich, dass er wohl tot sein musste.
Ein heftiges Gefühl, mich einfach umzudrehen und in die andere Richtung zu laufen, überfiel mich.


Meine Beine wurden auf einmal bleischwer und mein Atem begann zu rasseln.
Ich blieb abrupt stehen. Keuchend beugte ich mich vornüber und wartete ab, ob mein Magen weiter rebellieren würde. Aber es schien so, als gäbe er mir eine Gnadenfrist.
Diese würde wohl spätestens vorbei sein, wenn ich mir den toten Körper aus der Nähe ansehen würde.
Ich zweifelte keine Sekunde daran, dass das Meer den Mann noch vor kurzem in seiner Gewalt gehabt, und ihn nun wie einen Kaugummi einfach wieder an Land gespuckt hatte.
Widerwillig setzte ich mich erneut in Bewegung.
Ich ging mit langsamen Schritten – das Laufen war mir vergangen.


Während ich dem Körper immer näher kam, sah ich mich um.
Vielleicht war noch jemand so früh am Morgen hier unterwegs und konnte den Helden spielen. Ich hätte diesen Part liebend gerne abgegeben.
Aber niemand war zu sehen.


Ich konnte nun schon die Kleidung des Mannes erkennen.
Er war vollständig bekleidet – also hatte er keinen Badeunfall erlitten.
Als ich ihn fast erreicht hatte, schlug ich mehrfach meine Handflächen zusammen, um die Möwen mit dem Geräusch zu vertreiben.
Sie flogen nur widerwillig auf, offenbar nicht bereit, ihre Beute so leicht aufzugeben.
Sie hatten den Mann bereits fürchterlich zugerichtet.
Seine aufgeweichte Haut stellte für ihre spitzen Schnäbel kein großes Problem dar.
Erneut ergriff mich eine Welle der Übelkeit.


Mein Kreislauf machte schlapp. Als mir schwarz vor Augen wurde, ließ ich mich schnell in den weichen Sand sinken und versuchte, langsam und gleichmäßig durchzuatmen.
Ich brauchte ungefähr zwei Minuten, bis ich mich wieder stark genug fühlte.
Doch an der Situation hatte sich nicht viel geändert, außer, dass bereits die Möwen über mir kreisten und darauf warteten, dass ich mich verzog, und ihnen ihr Futter wieder überließ.


Verdammt, warum hatte ich kein Handy dabei?
Wahrscheinlich, weil es sich mit Handy nun einmal nicht besonders gut joggen lässt.
Ich grübelte darüber nach, was ich nun tun sollte, als plötzlich die Welt um mich herum zu verstummen schien.
Das Kreischen der Möwen war nicht mehr zu hören, und selbst das Rauschen der Wellen hatte seinen Klang verloren.
Ungläubig schaute ich auf die Brandung.


Ich sah, wie das Wasser sich aufbäumte und seine Ausläufer an den Strand schickte, als wolle es immer wieder versuchen, mehr zu vereinnahmen, als ihm zustand. Aber auch dieses eigentlich tosende Begehren hatte seine Lautstärke verloren.
Hektisch blickte ich mich um.
Ich sah, wie das Gras der Dünen sich im Wind bog, aber ich spürte ihn nicht.
Ich sah, wie die Möwen mit ihren Flügeln schlugen und ihre Schnäbel sich öffneten und wieder schlossen, ohne, dass der geringste Laut daraus hervordrang.


Wenn ich nicht plötzlich von einer Sekunde zur anderen taub geworden war, dann gab es nur eine einzige Erklärung – dies musste ein Traum sein.
Mein Blick richtete sich auf den toten Mann.
Er lag da wie zuvor – mit einer Ausnahme.
Er erwiderte nun meinen Blick.
Mein Mund öffnete sich zu einem entsetzten Schrei.

Es wurde jetzt wirklich Zeit, zu erwachen.
Der Mann sah mich immer noch unverwandt an.
Er blinzelte nicht, aber seine Augen sahen dennoch alles andere als leblos aus.
Ich spürte, wie mein Herz heftig gegen meine Rippen pochte.
Mein Brustkorb schien plötzlich zu eng. Davon abgesehen, dass mein Herz offensichtlich versuchte, daraus hervorzuspringen, konnten meine Lungen nicht mehr genug Sauerstoff fassen, um eine Bewusstlosigkeit zu verhindern.


Durch einen schwarzen Nebelschleier hindurch sah ich mit immer noch wachsendem Entsetzen wie der Mann sich aufrichtete.
In meiner Panik japste ich verzweifelt nach Luft.
Meine Lungen brannten wie Feuer.


Als der Mann sich erhob und auf mich zukam, wurde mein Körper durch einen qualvollen Hustenanfall geschüttelt.
Ich hörte nun mein eigenes wimmerndes Röcheln. Der Husten hallte durch meinen Kopf und erschütterte meinen gesamten Körper, sodass ich kraftlos zu Boden sank und im feuchten Sand zuckend liegenblieb.
Der Mann beugte sich über mich und umschloss mit erstaunlich warmen Händen mein Gesicht.
„Du musst atmen,“ flüsterte er.
Und dann noch einmal seine wispernde Stimme: „Du musst leben.“


Es kam mir vor, als habe ich nur für einen kurzen Moment die Augen geschlossen, aber als ich sie wieder aufschlug, sah ich eine Menschenmenge um mich herum.
Ich lag am Strand – lediglich mit einem Bikini bekleidet. Auch der fremde Mann war da.
Er war über mich gebeugt und sah unendlich erleichtert aus.
Von den Wunden, die ihm die Möwen in meiner Erinnerung beigebracht hatten, war nichts zu sehen. Seine warmen Augen sahen mich abschätzend an, bervor er mir die Hand reichte und mir aufhalf.
Behutsam führte er mich aus der Menschenmenge heraus und ließ mir Gelegenheit, mich ein wenig mit der Realität anzufreunden.
Erst nach geraumer Zeit erzählte er mir, wie ich beim Schwimmen einen Krampf bekommen hatte und fast ertrunken wäre.


Bis heute frage ich mich, was mit mir passiert wäre, wenn er mich nicht gerettet hätte. Wäre ich dann für immer in diesem Albtraum gefangen gewesen oder hatte ich diesen Traum nur, weil ich mich auf den beschwerlichen Weg zurück ins Leben gemacht hatte?


Mein Retter und ich sind inzwischen gute Freunde geworden, auch wenn ich ihm bis heute nicht erzählen kann, wie sich die Geschichte in meinem Kopf abgespielt hat.
Er scheint es jedoch zu ahnen, denn obwohl es nie zwischen uns ausgesprochen wurde, meiden wir dennoch beide bis heute den Strand.

©Hanna Julian

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Kommentare: 1
  • #1

    Hannes (Freitag, 22 November 2013 06:17)

    Danke für den tollen Beitrag.