01. Dezember

 

Herr Eichhorn und Frau Eichhörnchen

 

Der Wind blies heftig von Osten. Herr Eichhorn sah, wie eine kräftige Bö am letzten rotbraunen Blatt des Walnussbaumes zerrte, es schließlich abriss und genau in seine Richtung wehte. Bereits im nächsten Moment hatte Herr Eichhorn das welke Ding auf der Nase. Schnell patsche er sich mit den Pfoten ins Gesicht, ergriff das Blatt und warf es zu Boden, zu all den anderen Blättern, die vom Besitzer des Hauses jeden Samstagmorgen mit einem Laubgebläse von einer Ecke des Hofes in eine andere gepustet wurden. Dieses Spiel ging solange, bis der erste Schnee fiel.

 

Herr Eichhorn beobachtete dieses menschliche Vorgehen nun schon im vierten Jahr, ohne recht zu begreifen, was dahintersteckte. Vielleicht war es eine Art Ritual. Menschen hatten eine ganze Menge davon. Aber im Großen und Ganzen schienen sie schon okay zu sein, denn sie packten Lebensmittel und andere essbare Dinge in große Tonnen, die sie einmal wöchentlich an die Straße stellten und die dann von riesigen Autos abgeholt wurden. Herr Eichhorn stellte sich gerne vor, dass diese voll beladenen Wagen dann die gesammelten Essensvorräte zu bedürftigen Eichhornfamilie brachten. „Du spinnst doch“, pflegte Frau Eichhörnchen zu sagen. Aber was wusste sie schon? Sie kannte die Menschen schließlich nicht besser, als er selbst.

 

Als er jetzt in den Kobel zurückkehrte, war Frau Eichhörnchen gerade dabei, alte Nussschalen auszusortieren. „Schatz, was machst du denn da?“, fragte Herr Eichhorn. Sie drehte sich zu ihm um, eine tadellose Walnussschalenhälfte in den zarten Pfoten. Dann setzte sie sie sich auf den Kopf, klimperte mit den Wimpern und fragte: „Wie findest du meinen neuen Hut?“ „Äh … sieht aus wie der alte“, sagte Herr Eichhorn, bevor er bemerkte, dass seine Antwort ein Fehler gewesen war.

„Aber der alte war viel kleiner. Und er hatte einen Sprung. Einen ganz feinen nur, aber ICH konnte ihn sehen, im Gegensatz zu dir, du Banause!“ „Na, wenn er einen Sprung hatte, passte er ja perfekt zu dir“, nuschelte Herr Eichhorn. Die eben noch zart klimpernden Wimpern wurden nun gesenkt und Frau Eichhörnchens Augen verengten sich, bis er den Eindruck hatte, aus ihnen würden jeden Moment tödliche Pfeile schießen.

 

Plötzlich setzte ein dröhnendes Geräusch ein. Frau Eichhörnchen riss erschreckt die Augen auf und im nächsten Moment hüpfte sie vor Schreck Herrn Eichhorn in die Arme. „Wwwwas isssst dasssss?“, fragte sie zittrig.

Seine Stimme war durch das vibrierende Getöse ebenso zittrig: „Ddddassss isssst der Mensch mit sssseinem komischen Dingssssda. Er bläst dassss Laub wieder durch die Ggggegend. Der Typ geht mir vielleicht auf die Nüssssse.“ „Dann lass uns doch endlich umziehen“, sagte Frau Eichhörnchen nun bestimmt schon zum hundertsten Mal.

Herr Eichhorn seufzte. „Aber wohin?“ Wortlos reichte ihm Frau Eichhörnchen eine Postkarte. „Sie mal, die ist von meiner Tante Lucilla gekommen.“ „Boah!“, entfuhr es Herrn Eichhorn, als er die Palmen und den Strand auf der Vorderseite sah. „Aber das Beste steht im Text“, säuselte Frau Eichhörnchen und drehte ihm lächelnd die Karte in den Pfoten um. Schnell überflog Herr Eichhorn den Text, dann lächelte er verzückt und wollte gar nicht mehr damit aufhören.

 

Ein Jahr später

 

Der Wind wehte sanft von Süden. Herr Eichhorn sah, wie die Palmwedel sich leicht bewegten. Immer wieder rauschten Wellen heran und verteilten sich schäumend auf den feinen Sandstrand.

„Guck mal, wie findest du meinen neuen Hut?“, fragte Frau Eichhörnchen.“ Und gerade als Herr Eichhorn zu ihr sah, verschwand sie komplett unter einer ausgehöhlten Kokosnussschale. „Bezaubernd“, lachte Herr Eichhorn, hob die Nussschale und küsste Frau Eichhörnchen so zärtlich, dass sie vor Freude errötete.

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Kommentare: 11
  • #1

    Vampirmietze (Donnerstag, 01 Dezember 2011 09:45)

    Eine süsse Geschichte. Da möcht man gern auch ein Eichhörnchen sein :)

  • #2

    Tina - OSF ;-) (Donnerstag, 01 Dezember 2011 09:57)

    Huhu Hanna,

    die Geschichte ist bezaubernd!
    Ich rätsel sowieso schon lange was diese Dingssssdasse eigentlich sollen...

  • #3

    Spinner´s End (Donnerstag, 01 Dezember 2011 14:45)

    Einfach zauberhaft :-)!

  • #4

    Lizzy (Donnerstag, 01 Dezember 2011 16:58)

    Ein schöner Auftakt, Hanna! Wirklich eine herzige kleine Story. :)

  • #5

    artis (Donnerstag, 01 Dezember 2011 19:39)

    Ach Himmel, Hanna, ist das niedlich. Und wie ich die beiden verstehe. :o)
    Ein tolles erste Türchen. Danke dafür.

  • #6

    hannajulian (Freitag, 02 Dezember 2011 19:28)

    Vielen Dank für eure Kommentare! :-)

  • #7

    Maria (Samstag, 03 Dezember 2011 10:57)

    *ggg*
    Schöne Geschichte...

    Aber Weihnachten habe ich persönlich lieber weiß und nicht unter Palmen. Ansonsten beneide ich die Familie Eichhorn natürlich schon ;)...

  • #8

    hannajulian (Samstag, 03 Dezember 2011 13:15)

    @Maria
    Geht mir auch so. Weihnachten und Schnee (nach Möglichkeit) gehört irgendwie schon zusammen. Am Palmenstrand würde mir dann auch was fehlen. Aber ansonsten ... *träum*

  • #9

    Chrissi (Sonntag, 04 Dezember 2011 19:58)

    Sehr niedlich! :)
    Das (Müll-)Verhalten der Menschen aus Eichhörnchensicht - da muss man erst mal drauf kommen.
    Bei dem Streit um den neuen Walnusshut hatte ich Frau Eichhorn bildlich vor Augen. *g*
    Ich wünsche ihnen Glück, den beiden Auswanderern. :)

  • #10

    Laura (Mittwoch, 07 Dezember 2011 09:48)

    Hey, habs nicht eher geschafft bin jetzt erst eingestiegen.
    Total süße Geschichte!

    LG Laura

  • #11

    Nienna (Freitag, 30 Dezember 2011 22:58)

    Hallo Hanna,
    ich bin zwar ein klein wenig spät, aber nun lese ich mich in aller Ruhe durch Deinen Adventskalender.
    Und zu dieser Geschichte gibt es nur ein einziges Wort: superzuckersüß:)