02. Dezember

Weil ich es weiß

 

(ab 14 Jahren)  

 

Sie hatte rot schimmerndes Haar, das in sanften Wellen über ihren Rücken fiel. Wenn sie in meinem Bett saß, nachdem wir uns geliebt hatten, kräuselte sich eine Strähne ihres flammenden Haares manchmal um eine ihrer Brüste. Sanft strich ich die Haare zur Seite und sie lachte, weil ich meine Hand niemals zu schnell von ihren weichen Rundungen nahm. Ihre hellen Wangen trugen dann einen Hauch von Röte, die mich verzauberte. Ich konnte kaum wegsehen, und wenn sie es bemerkte, lächelte sie scheu, obwohl sie es zuerst gewesen war, die damals meine Brüste gestreichelt hatte. Durch meine Bluse hindurch, im Schutze eines Buchregals; einzig die Klassiker von Karl May als stumme Zeugen.

 

So begehrlich, wie wir einander in der Bibliothek berührt hatten, war es ein Wunder, dass all die alten Schinken mit ihrem vergilbten Papier nicht wie trockenes Laub in Flammen aufgegangen waren.

Sie trug diesen kurzen Faltenrock, als sei sie eine Schülerin in ihrer Uniform. Aber sie wusste genau was sie wollte, und ich wusste es auch. Wir stahlen uns Zeit, raubten uns Küsse, diebisch einander Lust bereitend, die endlos war … endlos schien. Denn natürlich endete sie.

 

Sie endete in dem Moment, als Lisa heiratete – einen Mann. Sie endete, als Lisa aufhörte, die zu sein, die sie ist.

Heute ist sie irgendwer. Als ich sie zuletzt traf, wusste sie nicht, ob sie glücklich ist. Sie sah mich an, als müsse ich die Antwort darauf kennen. Und ich kenne sie. Aber ich behalte sie für mich.

 

Heute hat Lisa graue Strähnen in ihrem rot schimmernden Haar. Ich stelle mir vor, wie es über ihren nackten Rücken fällt, wenn ihr Mann sie geliebt hat. Und ich stelle mir vor, dass sie an mich denkt. An das, was hätte sein können. Und ich stelle mir vor, dass sie mich vermisst … weil sie weiß, dass sie hätte glücklich sein können.

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 11
  • #1

    Spinner´s End (Freitag, 02 Dezember 2011 08:11)

    Eine sehr berührende Geschichte, liebe Hanna!

  • #2

    Lizzy (Freitag, 02 Dezember 2011 19:20)

    Wie schön... *seufz*

    Wunderbar gelungen, Hanna!

  • #3

    hannajulian (Freitag, 02 Dezember 2011 19:27)

    @Spinner's und @Lizzy

    Vielen Dank euch! :-)

  • #4

    artis (Freitag, 02 Dezember 2011 23:03)

    So wunderbar und so traurig ... eine berührende Geschichte über etwas, das vielleicht hätte sein können ...
    Danke schön.

  • #5

    Landwind (Samstag, 03 Dezember 2011 02:08)

    Schöne Geschichte, Hanna! Super Komposition! Nur vier kurze Abschnitte, aber man hat zwei ganze Leben vorm inneren Auge.

  • #6

    Maria (Samstag, 03 Dezember 2011 10:58)

    Traurig, einfühlsam und wunderschön...

  • #7

    Blackhusky12 (Samstag, 03 Dezember 2011 12:51)

    Liebe Hanna,
    du hast eine schöne art zu schreiben.Schön weiter so ;)

  • #8

    Lau (Mittwoch, 07 Dezember 2011 09:53)

    Oh, schön und auch traurig!

    LG Laura

  • #9

    Chrissi (Samstag, 17 Dezember 2011 22:48)

    Schön, einfühlsam, wehmütig und trotz der Kürze so aussagekräftig. Bravo!

  • #10

    Yvi (Dienstag, 20 Dezember 2011 19:53)

    Wunderschön und traurig zugleich.

  • #11

    Nienna (Freitag, 30 Dezember 2011 23:00)

    "...weil sie weiß, dass sie hätte glücklich sein können."
    *seufz* Wie traurig und doch gleichzeitig schön.