04. Dezember

Der Eine

 

(ab 12 Jahren)

 

Er war der, mit dem ich in meinem Leben bislang am meisten Spaß hatte. Er konnte den Mond zwischen seinen Fingern einfangen und Herzen in den Schnee pinkeln.

Wenn wir gemeinsam über den Weihnachtsmarkt gingen, hielt man uns wohl für gute Freunde. Aber wir waren mehr als das. Für eine Woche waren wir Verliebte, die sich nicht gesucht, aber dennoch gefunden hatten. Wir küssten uns hinter den Bretterbuden, um die Gemüter der Kleinstadtmenschen nicht zu erregen. Er schmeckte nach Zimt und zudem nach dem Abenteuer, das ich ersehnte, seit ich das erste Mal begriffen hatte, dass ich als Kerl auf Männer stand.

 

Wir hatten uns am Süßigkeitenstand kennengelernt, als ich mir schokolierte Trauben kaufte. Während ich sie aß, sprach er mich an. Ich dachte, mich trifft der Schlag, denn er war der attraktivste Kerl, den ich je gesehen hatte. Irgendwie erschien es mir daher sehr passend, ihn bei all dem Naschwerk getroffen zu haben. Ich ließ ihn eine meiner Trauben kosten und wir lachten, weil sie fast zu Boden fiel, er sie jedoch mit geschickter Zunge davon abhalten konnte. Ein Zungenschlag, der mir durch und durch ging.

Wir teilten an jenem Abend nicht nur Trauben. Unser Atem bildete Hauchwölkchen in der kalten Winterluft, aber noch nie war mir so warm gewesen. Es war wie ein Fieber, das von einer der schönsten Krankheiten ausgelöst wird, die ich kenne. Verliebtheit. Verliebt … ja, das war ich!

 

Er wohnte etwas außerhalb, aber nach unserem Kennenlernen kam er jeden Abend mit dem Fahrrad zum Marktplatz gefahren, auf dem der Weihnachtsmarkt aufgebaut war. Alle warteten auf Heiligabend, aber ich wartete nur auf ihn. Manchmal summte er leise die Weihnachtslieder mit. Das klang seltsam vertraut, so, als wäre er schon immer bei mir gewesen, ohne dass ich es zuvor je bemerkt hatte. Dafür war er jetzt umso mehr in meinen Gedanken. Es verging keine Minute am Tag, in der ich nicht an ihn dachte. Eine Woche lang. Dann kam Weihnachten.

 

Es wurde das schrecklichste Weihnachtsfest, das ich je erlebt hatte, denn in der Zeit konnte ich ihn nicht sehen. Was hätte ich schließlich meinen Eltern erzählen sollen, wohin ich gehe? Sie bestanden darauf, mit mir und meinen beiden Geschwistern die Feiertage zusammen zu verbringen. Ich starrte in die Flammen der Kerzen und dachte nur an ihn. Drei grausame Tage lang.

 

Erst nach Weihnachten konnten wir uns endlich wieder treffen. Wir gingen spazieren. Am Fluss entlang. Unsere Spuren hinterließen wir im frisch gefallenen Schnee. Seine waren ein wenig größer als meine. Plötzlich blieb er stehen und sah mir in die Augen. „Ich muss dir etwas sagen. Heute ist unser letzter Tag. Wir ziehen weg. Der Möbelwagen kommt morgen. Wir saßen über die Feiertage schon auf gepackten Kisten.“

Er stieß einen Seufzer aus, den ich als feinen Nebel dem Fluss entgegenschweben sah. Von mir kam keine Hauchwolke, denn ich konnte nicht mehr atmen. Das ging ein paar Herzschläge lang so, in denen ich mich selbst beschwor, tapfer zu sein.

„Aber wir können uns doch weiterhin besuchen“, sagte ich und fügte mit neuem Mut an: „Wohin ziehst du denn?“

„Frankreich“, lautete die Antwort und mein Mut schwand so schnell, wie der Fluss ein loses Holzstück mitriss. Genauso fühlte ich mich: entwurzelt und wehrlos. Und das Schlimmste war, dass ich mit niemandem darüber reden konnte, weil niemand es wissen durfte.

 

Das alles ist nun ein Jahr her. Ich schlendere über den Weihnachtsmarkt unserer Kleinstadt und halte Ausschau nach ihm, obwohl ich weiß, dass er nicht kommen wird.

Ich habe keine Lust auf schokolierte Früchte und doch zieht es mich zum Süßigkeitenstand. Es riecht nach gebrannten Mandeln und überall hängen Lebkuchenherzen. Ein junger Mann steht mit dem Rücken zu mir am Stand und spricht mit dem Verkäufer. Er sieht von hinten aus wie er, aber das ist nur Einbildung, denn er ist in Frankreich.

Der Verkäufer schüttelt den Kopf, der junge Mann dreht sich um. Mein Herz setzt für ein oder zwei Schläge aus. Und dann beginnt es wie wild zu hämmern.

Er ist es! Wir stürzen aufeinander zu, liegen uns in den Armen und küssen uns.

„Ich bin zurück und werde in der Stadt bleiben“, sagt er und küsst mich erneut. Wir nehmen keine Rücksicht mehr auf die Gemüter der Kleinstadtmenschen. Nie wieder!

Ausführlichere Geschichten über Männerlieben gibt es in meinem gleichnamigen Buch. ;)

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Kommentare: 11
  • #1

    artis (Sonntag, 04 Dezember 2011 10:42)

    Das ist so richtig was für die Adventszeit.
    Auch wenn ich sie einmal schon selbst verwendet habe, neige ich im Großen und Ganzen dazu, die Ich-Form als Erzählweise zu vermeiden, aber hier ist sie goldrichtig. Wunderbar erzählt, wie ein Tagebucheintrag, so eindringlich ... himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt und dann ... ein ersehntes Ende ... ein Happy End sozusagen, aber nicht kitschig, sondern einfach nur toll.

    Danke für dieses Adventskalendertürchen, Hanna.

    Liebe Grüße
    artis

  • #2

    Maria (Sonntag, 04 Dezember 2011 13:25)

    Das perfekte Gegenstück zur Vorgeschichte, diesmal mit Happy End :)...

    Sehr romantisch, die Stimmung auf dem Weihnachtsmarkt perfekt eingefangen, und besonders schön der Schluß, der Unglaube und dann das perfekt Glück, eingefangen in dem Satz, wie egal den Beiden jetzt die Meinung der anderen ist.

    :)

  • #3

    Vampirmietze (Sonntag, 04 Dezember 2011 15:28)

    Einfach nur hach :)

  • #4

    Spinner´s End (Montag, 05 Dezember 2011 08:01)

    Ich bin echt sprachlos - einfach nur wunderschön :-)!

  • #5

    Landwind (Dienstag, 06 Dezember 2011 00:49)

    Runde Geschichte mit vielen feinen Bildern. Der zweite Satz, die schokolierten Trauben, das Treibholz...

  • #6

    Franz Hermann Grothues (Mittwoch, 07 Dezember 2011 12:38)

    ... eine schöne rührende Geschichte zur Adventszeit ...

  • #7

    Ulla Lionne (Mittwoch, 07 Dezember 2011 17:41)

    Einfach nur traumwunderschön!

  • #8

    Laura (Freitag, 09 Dezember 2011 09:54)

    Die Geschichte ist einfach toll!

    LG Laura

  • #9

    Chrissi (Samstag, 17 Dezember 2011 22:55)

    Eine berührende Geschichte, die von von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt reicht - zum Glück dreht sich zum Schluss wieder alles. Ein schönes Happy End! :)

  • #10

    Yvi (Dienstag, 20 Dezember 2011 19:49)

    Wunderschöne Story.

  • #11

    Nienna (Freitag, 30 Dezember 2011 23:02)

    Ganz wunderbar, Hanna, und mit Happy End, ich danke Dir :)