Kurze Geschichten jeglicher Art

Was uns trennt, und was uns verbindet

 

Kurzgeschichte - gay - ab 14 Jahren

 

 

Die Straße ist viel befahren. Fahrzeuge, die als seltsam blecherne Wesen Menschen von A nach B bringen.

Ein Mann steht auf dem Grünstreifen in der Mitte der Fahrbahnen, die Hände in die Hüften gestemmt. Aber er kann mich nicht täuschen. Diese scheinbar selbstbewusste Geste wird von seinem verzweifelten Gesichtsausdruck lügen gestraft.

Sein Auto, ein alter BMW, sieht wie ein besiegter Koloss aus. Eine dieser großen alten Benzinschleudern. Was auch immer dem Gefährt fehlt, es hat sich offenbar als zuverlässig unzuverlässig erwiesen.

 

Der Mann fährt sich mit beiden Händen durchs dunkle Haar. Er blickt kurz in meine Richtung, aber er nimmt mich nicht wirklich wahr. Seine Aufmerksamkeit ist der Straße gewidmet. Vermutlich wartet er auf den Pannendienst.

Mir kommt der Gedanke in den Kopf, wie gerne ich ihn abschleppen würde - und damit meine ich nicht sein Auto. Ich schäme mich ein bisschen dafür, aber ich kann meine Augen kaum von seinem Körper abwenden.

Das dunkle Shirt steht ihm gut. Seine Jeans sieht neu aus … und eng.

Ich blicke auf seinen Schritt und komme mir noch schäbiger vor. Trotzdem kann ich den Blick nicht von der verlockenden Beule lösen. Man tut das nicht - Mann, der auf Mann steht schon!

Ein vorbeibrausender Bus holt mich aus meiner voyeurhaften Starre.

 

Vielleicht sollte ich langsam weitergehen?

Es ist ja nicht so, als wäre er in akuter Lebensgefahr. Jeder Versuch, mich ihm zu nähern, kann nur als das interpretiert werden was es ist: Eine Anmache.

Unweigerlich steigt der Gedanke in mir hoch, wie er wohl darauf reagieren würde – auf einen Kerl, der nur schlecht sein sexuelles Interesse an ihm verbergen kann.

Vermutlich würde er denken, dass er einen so beschissenen Tag hat, wie er kaum mehr zu toppen ist. Auto kaputt und dann auch noch von einem Schwulen angegraben.

Das kann den stärksten Mann umhauen – Heten sind manchmal so armselig wenn es darum geht, auf den Flirt eines Geschlechtsgenossen zu reagieren.

Es gibt Ausnahmen bei den Heteros. Zum Glück! Ja, ich würde sogar soweit gehen, zu sagen, dass es manche Männer freut, auch beim eigenen Geschlecht anzukommen, selbst wenn sie auf Brüste und so stehen. Aber ich habe auch schon anderes erlebt. Ganz anderes!

 

Er reibt sich die Hände an den Hosenbeinen ab, beugt sich ein wenig vor und lässt seine Muskeln spielen. Unbewusst – natürlich!

Wäre es Absicht, würde er jetzt zu mir sehen. Zu mir, der ihn anstarrt und der trotz des ständigen Autostroms doch langsam seine Aufmerksamkeit erregen muss.

Seine Zunge schnellt über die Lippen. Ich kann es nicht genau sehen – aber ich spüre es in meinen Leisten. Ein Ziehen. Keine gute Sache, so mitten auf der Straße. Aber zu verlockend, um wegzusehen.

Nun hebt er den Kopf. Und tatsächlich sieht er mich an!

War das ein Lächeln?

Ich bin mir nicht sicher. Ein roter Toyota hat mir die Sicht für einen Moment versperrt. Vielleicht hat er also nicht gelächelt, sondern angewidert das Gesicht verzogen?

Das eine wäre der Himmel, das andere die Hölle. Unschwer zu erraten, was mir lieber wäre.

Aber ich muss sicher gehen.

 

Ich sehe mich nach einer Möglichkeit um, die Straße zu überqueren. Eine Fußgängerampel muss es sein, sonst wird das die letzte Aktion in meinem Leben.

Ganz am Ende der Straße sehe ich die ersehnten Lichter. Eine Ampel. Aber warum zum Teufel ist die nur so weit weg?

Bis ich dort bin, könnte der Pannendienst bereits eintreffen und dann würde es schwieriger werden, mit dem verlockenden Kerl Kontakt aufzunehmen.

Ich bin nicht übermäßig schüchtern, aber selbst ich brauche keine Zeugen, wenn ich mich bis auf die Knochen blamiere. Es gelingt mir im Allgemeinen recht gut, mit einer Abfuhr umzugehen – das heißt, ich trage sie mit Fassung … während in mir drin ein kleines Stückchen meines Selbstbewusstseins elend krepiert. Man muss das ja nicht zeigen, aber es ist so.

 

Der Mann richtet sich auf. Und diesmal ist es eindeutig ein Lächeln, das er mir zukommen lässt!

Unverbindlich? Vielleicht, aber was interessiert mich das?

Interessiert einen Jagdhund, dass ein davonlaufender Hase nur mal eben um den Block hüpfen wollte, um sich die Beine zu vertreten? Da sind Naturgesetze am Werk, die einfach nicht zu unterdrücken sind.

Ein Lächeln kann vieles bedeuten. Vielleicht wollte er sehen, was ich eigentlich von ihm will. Vielleicht hat er inzwischen ein mulmiges Gefühl und wollte so wissen, ob ich Freund oder Feind bin.

Oh, ich bin Freund! Ich habe Lust, ein ganz spezieller Freund zu werden!

Aber die Straße bleibt ein unüberwindliches Hindernis.

 

Warum gibt es eigentlich immer irgendetwas, das uns voneinander trennt?

Sind es keine Straßen, sind es Worte, Religion, Politik, Weltanschauung, Sexualität.

Insgesamt gibt es mehr, das uns trennt, als dass es Dinge gibt, die uns verbinden.

Aber ein Lächeln verbindet.

Ich fühle mich ihm nun wirklich sehr verbunden!

Es wäre schön, eine sehr enge, tiefe, und erfüllende Verbindung zu ihm herzustellen. Und später könnte man vielleicht sogar miteinander reden.

Der Jagdhund in mir war erwacht.

 

Eine Kopfbewegung von ihm lässt mich aufmerken. Das war eine Einladung!

Eine komm-doch-her-und-wir-sehen-was-geht Einladung.

Ein Gefühl des Triumphs macht sich in mir breit.

Ich blicke zur Ampel, ein kurzes Nicken meinerseits, dann laufe ich los.

Mit großen Schritten hechte ich durch die Menge. Frauen mit Tüten aus Boutiquen, Kinder, alte Männer, junge Männer … aber keiner ist wie er!

Ich will ihn!

 

Mein Herz schlägt schnell, ich fühle mich, als könne ich fliegen. Dennoch versuche ich besser nicht, auf diese Weise die Straße zu überqueren. Ich laufe weiter. Noch während ich mir meinen Weg bahne, sehe ich auf der anderen Straßenseite ein Fahrzeug. Einen gelben Abschleppwagen mit den allseits bekannten vier Buchstaben.

Der Freund und Helfer jeden Autofahrers. Zur Hölle soll der Kerl fahren – aber nicht zu ihm!

Im gleichen Moment spüre ich, wie ich mit meinen Beinen gegen etwas stoße. Verdammt! Ausgerechnet ein Kind habe ich wegen meiner Unachtsamkeit über den Haufen gerannt. Es landet auf dem Hintern, eine Eiswaffel fliegt im hohen Bogen auf den Gehweg. Das Kind heult, die Mutter sieht mich strafend an. Wenn Blicke töten könnten, wäre ich nun Geschichte.

 

Hektisch suche ich in meiner Tasche nach dem Portemonnaie, während ich Entschuldigungen hervorstoße. Ich finde kein Kleingeld. Der Junge ist inzwischen wieder auf den Beinen und nimmt ohne Klage einen Zehn Euro Schein an. Ich murmel erneut eine Entschuldigung, doch meine Gedanken sind bei dem Mann auf der anderen Straßenseite. Ein kurzer Blick zeigt mir, dass der Abschleppwagen bereits mit Blinklicht vor dem gestrandeten BMW steht. Ich hetze weiter zur Ampel und verpasse gerade die Grünphase für die Fußgänger. Eine Ewigkeit scheint zu vergehen

Als ich endlich die Straße überqueren kann, wird der Wagen bereits verladen.

Ich renne.

 

Wieso geht das mit dem Aufladen nur so schnell?

Aber ich kann es noch schaffen. Vermutlich gibt es noch Formalitäten zu erledigen.

Ich hechte voran. Es wird merkwürdig aussehen, wenn ich so abgehetzt bei ihm eintreffe. Aber wen stört das, wenn es die einzige Chance ist?

Er soll meinen schnellen Atem noch ganz anders zu spüren bekommen. Er soll fühlen, dass mein Mund ihn verwöhnen kann, und er diesen Tag und den ganzen Ärger durch mich zu vergessen in der Lage ist.

Ich wohne nicht weit von hier. Nur ein paar Straßen entfernt. Wird er zustimmen, mit mir zu kommen? Was ist mit seinem Auto? Entsetzt sehe ich, wie der Wagen bereits zum Abtransport bereit ist. Es ist jetzt nicht mehr weit.

 

Ich kann ihn lächeln sehen, bevor er in den Abschleppwagen einsteigt, der ihn und seinen BMW in die nächste Werkstatt bringen wird.

Wie konnte ich nur so dumm sein? Natürlich fährt er mit!

Ich verlangsame, bis ich schließlich stehen bleibe, und zusehe, wie der Abschleppdienst in den Verkehr einschert und davon fährt.

All meine Aufregung bricht in sich zusammen. Mir ist ein bisschen flau. Ein ungewöhnlich gefräßiges Biest nagt an meinem Selbstbewusstsein.

‚Guten Appetit’, denke ich nur und schlendere zu der Stelle, an der er eben noch stand.

Wäre der Verkehr nicht gewesen, wäre ich in nur wenigen Sekunden bei ihm gewesen.

Aber nun ist es vorbei. Zu spät.

 

Ich stehe unbeholfen auf dem Grünstreifen. Die Autos brausen an mir vorbei. Ich senke den Blick – ein Moment der totalen Kapitulation.

Dann runzle ich die Stirn. Ich bücke mich und hebe eine Visitenkarte auf, die im Gras steckt. Man sieht, dass sie nicht zufällig dort liegt. Sie ist sauber und etwas ist eilig auf die Rückseite gekritzelt worden.

„Ruf mich an, damit es noch ein Glückstag wird.“

Ich lächle und stecke die Karte ein.

Ja, auch ich habe das Gefühl, dass dieser Tag glücklich enden wird.

Und wer weiß … vielleicht ist er sogar der, mit dem noch viele Tage glücklich enden werden.

  

 

 

Gegen den Strom

Ich stehe auf der Brücke. Das Wasser unter ihr und mir fließt schnell dahin. Der Rhein ist ein Strom, also strömt er. Und ich ströme gleichsam mit - lasse meine Gedanken fortreißen. Unter der Brücke taucht ein Schiff auf. Beladen mit weiß der Geier was, kämpft es gegen die Strömung. Es stört meine Gedanken. Heute sollten alle Schiffe nur mit der Strömung fahren. Ein zweites taucht auf, dann ein drittes. Sie trotzen der Strömung. 'Na gut', denke ich, 'Hauptsache, man kommt ans Ziel'.

 

©Hanna Julian

Plagiat

"Echt Kölnisch Wasser!", ruft die Frau.

Sie trägt Lumpen. Ihr Rock ist am unteren Saum durchnässt.

Immer wieder füllt sie durchsichtige Pfandflaschen mit Rheinwasser.

"Nur ein Euro!", ruft die Frau.

Die Passanten bleiben stehen - sie kaufen das Wasser, lachen und fühlen sich gut bei dem Gedanken, dass sie der Frau geholfen haben, die diese nette Idee hatte.

So tritt ein Teil des "Kölnisch Wassers" den Weg quer durch die Stadt an.

Der Rest fließt Düsseldorf entgegen.

 

©Hanna Julian

 

Ratte der Lüfte

Ziemlich hoch, der Dom.

Ich schaue rauf und mache einen auf Tourist. Mist, ich habe keine Kamera dabei; wäre überzeugender gewesen.

Eine Taube fliegt vor meinen Füßen auf. Ich habe sie nicht gesehen, und wenn, wäre es mir egal gewesen. Es gibt zu viele hier von ihnen.

Jetzt folgt ihr mein Blick.

Sie flattert in den blauen Himmel, vollführt einen gewagten Bogen, dann landet sie auf einem Vorsprung des wundervollen Doms - und scheißt ihn voll.

 

©Hanna Julian

Mord

Es flimmert vor meinen Augen.

Gurgeln, Husten, Röcheln.

Mein Blick wird glasig.

Brutales Lachen, geifernd, erbarmungslos.

Meine Lider flattern, senken sich.

Gnädige Schwärze - für das Opfer und mich.

Im Fernsehen wird gemordet ... und ich bin eingeschlafen.

 

©Hanna Julian

Ich sehe was, was du nicht siehst

Du siehst den Weg - ich sehe das Gras in den Ritzen der Gehwegplatten.

Du siehst die Menschen - ich sehe die Schatten, die sie verfolgen.

Du siehst den Himmel - ich sehe die Engel, die daraus geflohen sind.

Du siehst die Stadt - ich sehe Träume, die hier gestrandet im Rinnstein liegen.

Du siehst mich ... und ich frage mich, was du siehst. 

 

©Hanna Julian

Twitter Kurzgeschichten

Die Twitterkurzgeschichten durften lediglich die Länge eines Tweets haben - also 140 Zeichen (Zeichen, nicht Wörter, liebe Drabbler! Sie mussten also noch um einges kürzer sein, als wir es von Drabbles gewohnt sind. ;-) ).

 

Es reichte für mich bis ins Finale beim Deutschen Twitter Kurzgeschichten Preis (dtkp) - weiter jedoch leider nicht. Ist aber nicht schlimm, denn es war durchaus sehr lustig und hat eine Menge Spaß gemacht!

Hier meine Beiträge

Er hatte sie gesehen, mit seinem Freund. Verräter! Eine Waffe, geladen. Er schoss. Licht. Die Gäste der Überraschungsparty schrien entsetzt.

 

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Sonnenlicht fällt durchs Rollo. Kinder lachen. Plätschernder Brunnen. Ein Eisverkäufer ruft. Sie schließt seufzend das Fenster. Überstunden.

 

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New York, Miami, Oslo, Rom, Athen, Prag - Sie ließ die Koffer fallen und kickte ihre High heels in die Ecke. Schön, wieder zuhause zu sein!

 

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Das Haar frisiert. Dezentes Make-up. Die Lippen rot. Ein leichtes Lächeln im Gesicht. Zufriedenheit. Nun konnte die Aufbahrung stattfinden.

 

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Geboren wurde er 1691 in London. 1711 traf er den Vampir Joseph - der Mensch in ihm starb. Vor zweihundert Jahren begegnete er mir.